Essay Grenzenloser Konsum - ein Schwindel?

Der kollektive Burn-out, den der strukturelle Zeitmangel hervorgerufen hat, beginnt eine Gegenreaktion hervorzurufen, die allerdings noch diffus ist. Der schrankenlose Konsum trifft auf Widerspruch, ebenso wie die Naturzerstörung und Ausbeutung von Arbeitskraft, die er mit sich bringt. Die Generation, die jetzt ins Berufsleben einsteigt, scheint ihre Werte umzudefinieren, sie verlangt schon mal im ersten Jahr eine Vier-Tage-Woche. Ein befreundeter Arzt erzählt, er finde niemanden, der seine Praxis übernehme, weil junge Menschen nicht mehr sechzig Stunden die Woche arbeiten wollten. Man verlangt eine Work-Life-Balance, was ein wenig absurd ist, weil man auf das Smartphone natürlich auch nicht verzichten will.

Paul Mason schreibt: "Millionen Menschen beginnen zu kapieren, dass ihnen ein Traum verkauft wurde, der nicht zu dem passt, was die Realität zu bieten hat. Ihre Reaktion ist Verärgerung." Diese Verärgerung macht Denker zu Modeautoren, die es in den Neunzigern allenfalls in den alternativen Stadtteil-Buchladen geschafft hätten. Der greise Résistance-Veteran Stéphane Hessel hat Südeuropa mit seinem "Empört euch!" das Stichwort geliefert und dort eine ganze Bewegung begründet - die der "Empörten". Sie stellen die konsumistischen Werte infrage, die sie in den Abgrund geführt haben. Thomas Pikettys komplexe Abrechnung mit der sozialen Ungleichheit wurde zum Welt-Bestseller.

Der Berater Margaret Thatchers: "Die Demokratie ist in der Hand der Banker und Medienmogule."

Schon 2011 schrieb ausgerechnet der autorisierte Biograf Margaret Thatchers, Charles Moore: "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat." Eines der großen Argumente der Linken sei ja, so Moore, "dass das, was die Rechte den freien Markt nennt, ein ziemlicher Schwindel ist". Die Reichen betrieben "ein globales System, das ihnen erlaubt, Kapital anzuhäufen und den geringstmöglichen Preis für Arbeitskraft zu bezahlen. Die einfachen Leute müssen härter arbeiten zu Bedingungen, die täglich unsicherer werden, um die Reichen reicher zu machen. Die Demokratie, die ja eigentlich Wohlstand für viele bringen soll, ist in der Hand der Banker, Medienbarone und anderer Mogule, denen alles gehört." Da kann man sich wie Moore schon fragen: Bin ich etwa links, wenn mir diese These nicht unplausibel erscheint?

Für mich wäre das durchaus eine neue Erfahrung. Als Jugendlicher galt ich meinen linken Freunden als scheißliberal, ich ging nicht mit nach Wackersdorf und demonstrierte nicht gegen den Nato-Doppelbeschluss. Die von der DDR bezahlten Marxisten, die an der Hochschule agitierten, nervten unendlich mit ihrer verblendeten Verherrlichung Kubas und des Sowjetsystems. Mir gefiel unser Solidarmodell, die soziale Marktwirtschaft mit verbrieften Arbeitnehmerrechten und egalitärer Gesundheits- und Altersversorgung, all diese Errungenschaften, die Planbarkeit und Sicherheit und dadurch konstante Leistung und stabilen Wohlstand garantierten.

Bin ich nun etwa links, weil ich finde: Arbeit sollte nicht härter besteuert werden als Finanzkapital? Weil ich Wasser für ein Allgemeingut halte, das nicht in die Hände von privaten Investoren gehört? Weil ich glaube, dass Austerität falsch ist für ausgelaugte Volkswirtschaften und dass der Staat durch Investitionen in der Krise gegensteuern sollte? Weil ich der Meinung bin, dass Griechenland seine Schulden nie zurückzahlen kann und man sie dem Land deswegen erlassen sollte wie Nicaragua?

Anscheinend ja. Auf Partys in deutschen Designerküchen wird man immer noch angeschaut, als wäre man Rudi Dutschke, wenn man sich als Griechenlandversteher outet. Aber wer ist eigentlich radikaler? Der, der sagt, dass diese Rechnung nie aufgehen wird? Oder "diese nüchternen, beanzugten, ernsten Menschen, die sich selbst als die einzigen Erwachsenen im Raum betrachten, und die doch in Wahrheit verrückte utopische Fantasten sind, die einem fanatischen ökonomischen Kult anhängen", wie George Monbiot kürzlich im Guardian schrieb? Es sind genau die Jünger jenes Kults, der im Seminar von 1987 noch so viel Heiterkeit auslöste.

Der Unmut mit dem Kult wächst jedenfalls. Ihn artikuliert Jürgen Habermas, wenn er die "Auflösung von Politik in Marktkonformität" tadelt, die ja auch Angela Merkels Politik-Grundlage bildet. Die Syriza-Leute gehen einen Schritt weiter, sie verlangen ein Europa, das nach anderen Kriterien funktioniert als nach der reinen Lehre des Marktes. Der spanische Soziologe Cesar Rendueles sagt: Syriza vertritt in Wahrheit das, was die meisten Europäer wollen, nämlich eine Lösung für die finanzielle Metastase in Europa, und stattdessen ein System, das auf Solidarität und Gemeinschaft gebaut ist.

Im Süden glaubt man nicht, dass Schulden etwas mit persönlicher Schuld zu tun haben

Dass solche Vorschläge aus Europas Süden kommen, aus der hellenischen und romanischen Welt, ist im Übrigen kein Zufall. Dort verfingen Reaganomics und Thatcherismus nie, weil ihnen das geistesgeschichtliche Fundament fehlte: eben jener religiös fundamentierte Puritanismus des Nordens, der predigt, dass Geldanhäufen dazu dient herauszufinden, ob man sich im Stand der Gnade vor Gott befindet, wie es Max Weber beschrieben hat. Deshalb hat der Süden Probleme mit dem Effizienz- und Produktivitätsdogma des Nordens und der pietistischen Schwarzen Null. Im Süden glaubt man nicht automatisch, dass Schulden etwas mit persönlicher Schuld zu tun haben. Dass der Mittelmeerraum nun nach links rückt, ist die Summe seiner historischer Erfahrung.

In Deutschland ist das schwieriger. Links sein ist hier nicht gut angesehen wegen der Altlasten der Linkspartei. Deshalb wartet die deutsche Linke ängstlich ab, ob es ausgerechnet das kleine Griechenland schafft, einen Linksruck einzuleiten, ob es zu Europas Nicaragua wird, das ja damals auch den Angriffen Ronald Reagans standhielt; oder wenigstens Ecuador oder Argentinien, deren Linksregierungen dem IWF die Tür wiesen.

Daran sieht man, dass das Problem mit dem Linkssein bei uns dasselbe geblieben ist wie immer: Am bequemsten ist es aus der Ferne. Es sei billig, von Alexis Tsipras Konsequenz zu fordern, wenn man selbst die Folgen nicht tragen müsse, schrieb der griechische Blogger Alex Andreou, als der Premier sich schließlich doch den Regeln der EU unterwarf. Nein, es geht nicht mehr um Revolution, das hat wohl auch Alexis Tspiras festgestellt. Paul Mason schreibt: Der Kapitalismus werde nicht abgeschafft durch Aufmärsche. Man solle ihn lieber reformieren, dynamisieren, ihn mit neuen Werten und Verhaltensweisen anreichern. Er nennt das "Post-Kapitalismus".

Aber vielleicht reicht es ja, dieses einzigartige System zu verteidigen, von dem wir dachten, es sei von unseren Eltern erkämpft und nicht von den Mächtigen gewährt worden: den europäischen Sozialstaat, von dem der französische Sozialphilosoph Pierre Bourdieu gesagt hat, er sei eine so unwahrscheinliche und schöne Errungenschaft wie Beethoven, Kant und Mozart. Die soziale Marktwirtschaft war eine Idee, um das Volk ruhig zu halten. Jetzt müssen wir darum kämpfen, sie zu bewahren. Wenn das radikal ist - meinetwegen.