Eskalation in Gaza Gerüstet fürs Verderben

Beiden Seiten ist klar, dass sie einen verhängnisvollen Weg beschreiten. Trotzdem stürzen sich die palästinensische Hamas und Israel in den Konflikt. Israel fehlt eine Strategie - und die Hamas hat nichts mehr zu verlieren.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Zeit des Zauderns ist vorbei, der Kampf ist eröffnet: In Israel heulen die Sirenen, und über dem Gazastreifen hängt schwarzer Rauch. Die Hoffnungen auf Vernunft und eine Waffenruhe in letzter Minute wurden hinweggefegt von einem Raketenhagel, mit dem die Hamas am Montagabend demonstrierte, dass sie bereit ist für die Schlacht. Israels Antwort kam schnell und entschlossen, aus der Luft und vom Wasser aus: Mehr als 50 Ziele wurden noch in der Nacht bombardiert, und bevor der Staub sich legte, hatte die Armee diesen neuen Waffengang schon "Operation Protective Edge", Operation Schutzlinie, getauft. So hat der Einsatz immerhin schon einen kernigen Namen - ein klares Ziel aber hat er nicht.

Wer die Motive beider Seiten in dieser Konfrontation erforscht, der landet schnell auf dem weiten Feld der politischen Paradoxie: Mit aller Kraft stürzen sich die Kontrahenten, wieder einmal, in eine Auseinandersetzung, die sie im eigenen Interesse besser vermeiden sollten. Angetrieben werden sie dabei von einer unheilvollen Dynamik, bei der nicht nach Gewinnen und Verlusten gefragt, sondern allein Gewalt mit noch mehr Gewalt beantwortet wird. Dieses Muster ist bekannt aus den vorhergehenden Auseinandersetzungen, die vieles angerichtet, aber nichts gelöst haben. Ruhe ist rund um den Gazastreifen immer nur die Pause zwischen zwei Kriegen.

Gegenüber dem letzten Krieg im November 2012 allerdings hat sich die Ausgangslage für die Hamas noch einmal drastisch verschlechtert. Damals waren die Herrscher des Küstenstreifens auf dem Höhepunkt ihrer prallen Selbstüberschätzung. Ein Jahr zuvor hatten sie Israel mit dem Austausch von mehr als tausend Gefangenen gegen den fünf Jahre zuvor entführten Soldaten Gilad Schalit eine schmerzhafte Niederlage beigebracht, in Kairo regierten ihre Paten von der Muslimbruderschaft, und aus Teheran floss reichlich Geld für neue Waffen. Israels Luftwaffe zerstörte zwar in nur acht Tagen einen Großteil der Hamas-Infrastruktur. Doch die ersten Hamas- Raketen schafften es bis nach Tel Aviv - und am Ende gab es in Gaza-Stadt auf den Trümmern eine Siegesparade.

Die Menschen im Gazastreifen geben der Hamas die Schuld für ihre desolate Lage

Die Hamas von heute ist dagegen in einer desolaten Lage. Der Lorbeer von der Gefangenenbefreiung ist verwelkt, und die Menschen in Gaza geben der Führung in aller Offenheit die Schuld für die elende wirtschaftliche Lage. Die Muslimbrüder in Kairo sind gestürzt und sitzen im Gefängnis. Die neuen Machthaber haben die Hamas zur Terrororganisation erklärt und die Grenze so dicht geschlossen, dass der kleine Gazastreifen nun von einer Doppelblockade aus Israel und Ägypten erdrückt wird. Obendrein ist die Freundschaft mit Iran am Syrien-Konflikt zerbrochen. Und die kürzlich gebildete palästinensische Einheitsregierung mit der moderaten Fatah von Präsident Mahmud Abbas hat als Rettungsanker von Beginn an nicht gegriffen.

Kurzum: In der Hamas herrscht Verzweiflung - und diese Verzweiflung macht sie jetzt so gefährlich. Denn sie hat wenig zu verlieren in einem neuen Krieg und spekuliert allein darauf, dass sich bei israelischem Bombardement - zumal im Fastenmonat Ramadan - die Palästinenser wieder in Massen um sie scharen. Womöglich kommt neue Unterstützung sogar aus dem aufgewühlten Westjordanland und von den arabischen Brudernationen. Der Strohhalm, an den die Führung sich klammert, ist eine Wiedergeburt von Hamas als Kraft des Widerstands. Denn selbst wenn die Organisation nun besiegt wird, ist sie nicht zerstört. Nach sieben Jahren missglückter Regierungserfahrung in Gaza glauben selbst viele aus den eigenen Reihen, dass die Hamas im Untergrundkampf weit besser aufgehoben ist als in der Verwaltung.

Netanjahu wollte "Ruhe mit Ruhe beantworten" - daraus ist nichts geworden

Israels einzig klar definiertes Ziel in dieser Auseinandersetzung ist die Wiederherstellung der Ruhe. Keine Jerusalemer Regierung kann es sich leisten, dass der Alltag im Süden des Landes über längere Zeit vom Sound der Sirenen bestimmt wird. Um die Ruhe wiederherzustellen, hat die Armee nun von der Regierung den klaren Auftrag bekommen, so hart wie nötig zuzuschlagen. "Wir bereiten uns auf eine Operation gegen die Hamas vor, die nicht innerhalb von Tagen enden wird", erklärte Verteidigungsminister Mosche Jaalon. Geplant ist offenbar kein überfallartiger Großangriff, sondern eine Eskalation in Stufen, je nach Bedarf. Der Einsatz kann sich auf Luftschläge begrenzen wie 2012 oder auch zu einem Bodenkrieg ausweiten wie 2008/09. Das ist die Taktik - doch was ist die Strategie dahinter?

Die Antwort lautet: Es gibt keine Strategie. Israels Premier Benjamin Netanjahu hat zwar keinen Grund zu Verzweiflungsaktionen wie die Führer der Hamas, doch ein Getriebener ist auch er. Im Innern tobt ein Kampf um die Vorherrschaft im rechten Lager, und in diesem Kampf haben die Konkurrenten kräftig Punkte gesammelt in den vergangenen Wochen. Wirtschaftsminister Naftali Bennet von der Siedler-Partei Jüdisches Heim und Außenminister Avigdor Lieberman von der Partei Unser Haus Israel fordern seit der Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher im Westjordanland einen vernichtenden Schlag gegen die Hamas. Netanjahu wurde zum Feigling erklärt, weil er "Ruhe mit Ruhe beantworten" wollte. Lange konnte der Premier das nicht durchhalten. Doch immerhin hat er sich mit der temporären Selbstbeschränkung einigen internationalen Rückhalt gesichert, wenn er nun hart gegen die Hamas vorgeht.

Die entscheidende Frage aber ist, ob es zur Wiederherstellung der Ruhe reicht, die Hamas nur abzustrafen oder ob sie gestürzt werden muss. Ein Ende der Hamas-Herrschaft im Gazastreifen würde Israel in ein Dilemma stürzen. Denn entweder müsste die Armee den Küstenstreifen wieder besetzen, oder es droht die Anarchie - ein schwarzes Loch an Israels Grenze, in dem sich Salafisten, Dschihadisten und Terrorgruppen aller Art einnisten können.

Angesichts solcher Aussichten ist nur zu hoffen, dass der Konflikt schnell in kontrollierbare Bahnen gelenkt wird. Doch ein Vermittler mit Einfluss auf beiden Seiten ist derzeit schwer zu finden. Ägypten hat genug eigene Probleme, Jordanien ist zu schwach und die Türkei zu weit weg. Bis auf Weiteres stehen Israelis und Palästinenser allein auf dem Schlachtfeld.