Nahostkonflikt Israels Kampfjets fliegen mehr als 100 Angriffe auf Gaza

Die israelische Armee hat in der Nacht ihre Luftangriffe verschärft. Ein Geschoss soll das Innenministerium der Hamas-Regierung in Gaza-Stadt getroffen haben. An der Grenze lässt Israels Premier Netanjahu Panzer auffahren, gleichzeitig kündigt er für Freitag eine kurze Feuerpause an.

Israelische Kampfjets haben am Freitagmorgen erneut schwere Luftangriffe auf Gaza geflogen. Während der Nacht habe es etwa 130 Angriffe gegeben, darunter Dutzende Angriffe auf Gaza-Stadt, teilte das Innenministerium der radikalislamischen Hamas mit. Ein Geschoss soll auch das Gebäude, in dem das Ministerium untergebracht ist, getroffen haben. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet unter Berufung auf Reporter in Gaza-Stadt von 85 Raketeneinschlägen in 45 Minuten.

Israels Armee teilte mit, die Angriffe hätten unterirdischen Raketenstellungen gegolten und würden fortgeführt. Ziel der Offensive "Pillar of Defense" sei die Zerstörung der Raketenstellungen der Hamas.

Für den Freitag sei Israel aber zu einer mehrstündigen Kampfpause bereit. Dies geschehe auf Wunsch Ägyptens, verlautete aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Grund ist der Besuch des ägyptischen Ministerpräsidenten Hescham Kandil im Gaza-Streifen. Voraussetzung für die Kampfpause sei, dass auch die militanten Palästinenser das Feuer einstellten. Kandil will mit seinem Besuch die Unterstützung Ägyptens für die Palästinenser bekunden und Möglichkeiten ausloten, wie die Gewalt gestoppt werden kann.

In der Nacht waren aus dem Gaza-Streifen mindestens elf Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden. Insgesamt hätten militante Palästinenser seit Mittwoch mehr als 420 Raketen auf den Süden Israels abgefeuert, heißt es von Seiten des israelischen Militärs.

Am frühen Donnerstagabend hatte die Hamas aus dem Gaza-Streifen zwei Raketen auf den Großraum Tel Aviv abgeschossen. Erstmals seit dem Golfkrieg 1991, als der Irak Scud-Raketen auf Israel abschoss, heulten die Luftalarm-Sirenen in Tel Aviv. Zugleich war eine dumpfe laute Explosion zu hören. Nach Medienberichten ging eine Rakete im Mittelmeer nieder.

Abbas bricht Europareise ab

Auslöser für die neuerliche Eskalation war die Tötung des Militärchefs der Hamas durch die israelische Armee am Mittwoch. Seitdem wurden Angaben palästinensischer Rettungskräfte zufolge mindestens 19 Palästinenser getötet, darunter viele Kinder. Auf israelischer Seite starben drei Menschen beim Einschlag einer Rakete in Kirjat Malachi, fast 30 Kilometer von Gaza entfernt.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas brach aufgrund der dramatischen Entwicklungen seine Europareise ab und kehrte ins Westjordanland zurück.

Westliche Länder und die arabische Welt reagierten zutiefst besorgt auf die neuesten Entwicklungen. Washington erklärte, es gebe "keinerlei Rechtfertigung für die Gewalt" der Hamas. Der britische Premierminister David Cameron drückte seinem israelischen Kollegen Benjamin Netanjahu seine "tiefe Besorgnis" aus. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) betonte in einem Telefonat mit Israels Außenminister Avigdor Lieberman das Recht des Landes auf Selbstverteidigung. Frankreichs Präsident François Hollande äußerte sich ähnlich.

Ban Ki Moon fordert Israel zur Zurückhaltung auf

Indes verurteilten arabische Staaten vornehmlich das Verhalten Israels. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) sprach von einem "Angriff gegen die Gesamtheit der islamischen Nation" und rief den UN-Sicherheitsrat an. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi sagte in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache, Israel müsse verstehen, "dass wir diese Aggression, die nur zu Instabilität in der Region führen kann, nicht akzeptieren". Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sprach bei den israelischen Angriffen gar von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

Russlands Präsident Wladimir Putin forderte zwar beide Seiten zur Deeskalation auf; Israels Reaktion auf den Raketenbeschuss aus den Gaza-Streifen sei "unverhältnismäßig".

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sehr besorgt. Er verurteilte die palästinensischen Raketenangriffe und forderte Israel zur Zurückhaltung auf. Der UN-Sicherheitsrat hatte zuvor vor "möglicherweise katastrophalen Folgen" einer Eskalation gewarnt.

Vorbereitungen für israelische Bodenoffensive

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak billigte unterdessen die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten. Sie könne der Armee zufolge jederzeit erfolgen. Die Armee sei dabei, "die Kampagne auszuweiten". Zuvor hatte Netanjahu erklärt, Israel werde "weiterhin alles Nötige tun, um seine Bevölkerung zu schützen".

Eine Bodenoffensive behielt sich die Regierung ausdrücklich vor. Außerdem lässt Israel offenbar Panzer an den Gaza-Streifen bringen. Mindestens ein Dutzend Transporter waren zu sehen, auf denen Panzer in das Grenzgebiet gebracht wurden. Busse mit Soldaten waren auf dem gleichen Weg.

Das seien Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, hieß es. Angesichts der anhaltenden Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen werde eine Offensive aber immer wahrscheinlicher.