Eskalation der Gewalt in Ägypten Angst vor dem Bürgerkrieg

Brutale Straßenschlachten, viele Tote, zwei unversöhnliche Lager: Die schlimmsten Befürchtungen haben sich in Ägypten bestätigt. Wer in diesem Konflikt politisch "Recht" hat, spielt keine Rolle mehr. Vieles deutet darauf hin, dass die Unruhen anhalten. Das Land bewegt sich auf eine Vorform des Bürgerkriegs zu.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius, Kairo

Die Pessimisten haben Recht behalten, ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Die ägyptische Polizei stürmt mit Hilfe der Armee die Protestlager des gestürzten Präsidenten Mohamed Mursi, die Islamisten setzen sich mit allen Mitteln zur Wehr, die Unruhen greifen auf andere Teile Kairos und des ganzen Landes über. Straßenschlachten in der Hauptstadt, bei denen auf beiden Seiten scharf geschossen wird, Überfälle auf Polizeistationen, Krawalle und Tote auch in Alexandria, Suez und anderen Städten, brennende christliche Kirchen in Oberägypten.

Noch weiß keiner wirklich, wie viele Menschen am ersten Tag nach dem Räumungsbefehl auf beiden Seiten ihr Leben gelassen haben. Propaganda und Lüge sind das Mittel der Wahl - auf beiden Seiten. Die Opferzahlen klaffen weit auseinander. So oder so sind es viele, viel zu viele. Die Unruhen werden nun anhalten, über Tage, über Wochen. Ägypten, so scheint es, bewegt sich auf das zu, was keiner für möglich gehalten hat: Eine Vorform des Bürgerkriegs am Nil.

Kein Weg zurück

Der Staat - sprich die Armee und die von ihr eingesetzte Zivilregierung, sind mit der Räumung der Pro-Mursi-Lager ein gewaltiges Risiko eingegangen: Die Sit-Ins in Kairo zu stürmen ist das eine, landesweite Unruhen zu befrieden das ganz andere. Aber im Kabinett hatten sich die Hardliner durchgesetzt, hatten moderate Kräfte wie der Friedensnobelpreisträger und Vize-Präsident Mohamed ElBaradei kein Gewicht gegenüber dem Innenminister, den auf Härte setzenden Armee- und Polizeigenerälen. Nun gibt es keinen Weg zurück, keinen Ausgleich, keine Chance für die schwierigen Verhandlungen mit den Muslimbrüdern.

Wer in diesem Konflikt politisch "Recht" hat, spielt keine Rolle mehr: Die Putsch-Generäle, hinter denen zweifelsohne die Mehrheit der Ägypter steht. Oder die Fundamentalisten als immer noch beträchtliche Minderheit, die auf der Gültigkeit von Wahlen bestehen, obwohl sie das Land herunter gewirtschaftet haben und hinter ihren Demokratie- und Legitimitätsgerede nur den eigenen Machtanspruch verbergen. Die Fronten waren von Anfang an verhärtet. Nun sind sie praktisch unüberwindbar geworden.

Der Konflikt hätte vielleicht am Verhandlungstisch gelöst werden können, mit der freiwilligen Auflösung der Lager und einer Garantie für die Muslimbrüder, irgendwie weiter am politischen Prozess teilnehmen zu können. Das hatten die Vermittler der internationale Gemeinschaft gebetsmühlenartig vorgeschlagen. Aber das wollten weder das Regime noch die islamistische Opposition. Nun entscheidet das Recht des Stärkeren. Und das sind fürs Erste aller Voraussicht nach Armee und Polizei.

Schießen auf Brüder, Neffen, Nachbarn

Wie es weiter gehen wird, kann keiner sagen. Die Islamisten mögen die Minderheit sein in Ägypten. Aber sie sind zahlenmäßig stark, ideologisch ungebrochen und hervorragend organisiert: Der sofortige Ausbruch von Gewalt auch außerhalb der Islamisten-Sit-Ins zeigt, dass sich Mursis Gefolgsleute vorbereitet, ihre Kader landesweit in Stellung gebracht haben. Je länger der Straßenkrieg andauert, möglicherweise bald begleitet von Terrorakten, desto mehr werden die Soldaten der Armee fragen, auf wen sie da schießen: Vertreter des starken Staats werden Gründe nennen für ein immer härteres Vorgehen.

Aber die Soldaten wissen nicht, ob sie auf Staatsfeinde schießen oder auf ihre Söhne, Brüder, Neffen, Nachbarn oder beide. Die Angehörigen der Opfer wiederum werden Rache schwören und den Konflikt mit immer neuen Toten anheizen. Muslime und Christen werden auch aufeinander losgehen. Das ist genau das, was eine Nation zerreißt. Ägypten ist da keine Ausnahme.