Interview: Gökalp Babayigit

Lothar Kannenberg, Gründer der erfolgreichen Jugendhilfeeinrichtung "Boxcamp", über die Debatte zur Verschärfung des Jugendstrafrechts und den richtigen Umgang mit jugendlichen Intensivtätern.

sueddeutsche.de: CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer sagt, bei jugendlichen Intensivtätern könne man nicht auf Einsicht oder Reue setzen, durch Erziehung seien sie nicht erreichbar. Ist Ihre Arbeit, Herr Kannenberg, umsonst?

Lothar Kannenberg, dpa, Boxcamp

Lothar Kannenberg (li.), der Gründer des Boxcamps, setzt auf Pädagogik statt auf Drill: "Wärme, Liebe, Geborgenheit - diese drei Worte sind bei uns wichtig." (© Foto: dpa)

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Lothar Kannenberg: Nein, ach, ganz im Gegenteil. Natürlich sind Jugendliche erreichbar. Es kommt nur darauf an, wie man es versucht. In diesem Punkt liegen die meisten Schwierigkeiten. Man sagt immer so schön: Man sollte den Jugendlichen da abholen, wo er ist. Es gibt Jugendliche, die leben in Straßengangs, die sprechen ihre eigene Sprache. Die kann man mit einem ganz normalen Umgangston nicht erreichen. Man muss so auftreten, dass sie einen verstehen - und den Umgang dann gemeinsam mit den Jugendlichen verändern. Das ist, was wir hier praktizieren. Worüber andere reden, tun wir hier schon. Deshalb sind wir so erfolgreich.

sueddeutsche.de: In der Debatte um die Verschärfung des Jugendstrafrechts kam auch die Idee des Warnschussarrests auf. Ist das ein Mittel, mit dem die Jugendkriminalität eingedämmt werden kann?

Kannenberg: Bei manchen Jugendlichen würde das funktionieren, aber die, die wirklich Dreck am Stecken haben, denken sich: "Naja, dann gehe ich halt mal vier Wochen zur Erholung, is' ja nix Neues" - und wenn sie wieder rauskommen, geht es weiter. Es kommt also auf die Jugendlichen an: Bei jungen Menschen, die sich als Mitläufer einer Gang anschließen, könnte das funktionieren. Bei den Anführern reicht das nicht.

sueddeutsche.de: Der hessische Ministerpräsident Roland Koch sprach von einem Problem mit ausländischen Jugendstraftätern. Ist das Problem mit jugendlichen Straftätern vor allem ein Ausländer-Problem?

Kannenberg: Nein, primär hat der Schritt in die Kriminalität etwas damit zu tun, dass die Jugendlichen keine Ziele mehr haben. Die Ausländer, die wie in Ghettos zusammenleben und ausgegrenzt werden, wehren sich - und sie spüren auch, dass sie nicht gewollt sind.

sueddeutsche.de: Wenn man das Wort Erziehungscamp hört, dann hat man auch die Bootcamps in den USA im Kopf, in denen durch Drill und Erniedrigung der Wille der Jugendlichen gebrochen werden soll. Wie unterscheidet sich Ihre Einrichtung von den amerikanischen Modellen?

Kannenberg: Wir haben ein anderes Motto, es lautet: "aktiv sein". Aktive Lebensführung ist bei uns der Schlüssel. Von morgens um fünf vor sechs bis abends um 22.30 haben wir einen durchstrukturierten Tagesplan. Dieser Tagesplan ist genau das, was den Jugendlichen hilft, wieder klarzukommen. Das Wort Freizeit ist gestrichen. Jugendlichen, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, ist spätestens nach einer Stunde langweilig. Und dann kommt nur Scheiß raus. In dem halben Jahr, das die Jugendlichen hier sind, begehen sie keine Straftat. Das unterscheidet uns von fast allen anderen Einrichtungen, die es sonst gibt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Chancen Lothar Kannenberg den zwei U-Bahnschlägern aus München einräumt.

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