Erster Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg Die schreckliche Erfindung des Patrioten Fritz Haber

Fritz Haber (re.) beobachtet einen Versuch in einem seiner Labors im Jahre 1918

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Fritz Habers Forschung rettete Unzählige vor dem Verhungern - und tötete im Ersten Weltkrieg Tausende. Heute vor 100 Jahren begann die deutsche Armee mit Hilfe des späteren Nobelpreisträgers Giftgas einzusetzen. Habers Ehefrau erschoss sich deswegen.

Von Markus C. Schulte von Drach

In ihren Labors und Forschungsstätten gewannen Wissenschaftler Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Erkenntnisse, die unser Weltbild vom Mikro- bis zum Makrokosmos erschütterten. Doch ihr Wissen verwendeten manche auch mit großem Engagement dazu, Waffen zu entwickeln, mit denen sich möglichst viele Menschen zugleich töten ließen.

Während des Ersten Weltkriegs mussten sich viele Forscher entscheiden, welchen Weg sie gehen wollten. Unter ihnen war Fritz Haber eine der wichtigsten und zugleich tragischsten Persönlichkeiten.

"Im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland"

Der 1868 geborene deutsche Chemiker hatte 1908 herausgefunden, wie sich Ammoniak synthetisieren ließ. Gemeinsam mit dem Industriellen Carl Bosch entwickelte er ein Verfahren, mit dem sich Kunstdünger im industriellen Maßstab herstellen ließ. Diese Arbeit, für die Haber 1919 mit den Nobelpreis ausgezeichnet wurde, bewahrte Millionen von Menschen vor dem Hungertod.

Doch ab 1914 stellte er - wie viele andere Wissenschaftler auch - sein Wissen vollständig in den Dienst des deutschen Militärs. "Im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland", sagte er.

Schauplatz blutiger Stellungskämpfe

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Nach dem Beginn des Weltkriegs blockierten die Alliierten die Versorgung Deutschlands mit dem für die Munitionsproduktion notwendigen Salpeter aus Chile. Haber arbeitete anfänglich für die Kriegsrohstoffabteilung, wo er für die Ammoniaksynthese verantwortlich war. Ohne sein Wissen und seine Arbeit hätte das Land vielleicht schon lange vor 1918 kapitulieren müssen.

Haber aber war Patriot. Er sah es als seine Pflicht an, seinem Vaterland im Kampf zu dienen. Doch nicht als einfacher Soldat, sondern dort, wo er seine besonderen Fähigkeiten zum Einsatz bringen konnte: in den Laboratorien des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie (KWI) in Berlin-Dahlem, dessen Direktor er war.

Angesichts des Stellungskrieges schlug er schon früh den Einsatz von Chlorgas vor. An Waffen mit Phosgen oder Chlor arbeiteten auch deutsche Chemiefirmen - sogar schon vor dem Krieg -, in der Hoffnung, sie an das Militär verkaufen zu können. Doch die Generäle waren von ihrer Wirksamkeit nicht überzeugt. Und schließlich gab es noch das Giftverbot der Haager Landkriegsordnung. Doch als die Kämpfe begannen, ließ der Widerstand des Militärs schnell nach.

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Bereits im Oktober 1914 feuerte deutsche Artillerie bei Neuve-Chapelle Geschosse mit Dianisidin aus der Produktion des Unternehmens Farbenfabriken Friedrich Bayer (FFB) auf die französischen Stellungen. Die reizende Substanz, die eigentlich zur Farbherstellung diente, blieb allerdings ohne Wirkung auf die französischen Soldaten.

Fritz Haber setzte dagegen auf Chlorgas. Der Kernphysiker Otto Hahn, damals Habers Mitarbeiter, erklärte in seiner Autobiografie, Haber sei davon ausgegangen, dass sich unzählige Menschenleben retten ließen, wenn der Krieg durch den Einsatz von Giftgas schneller beendet würde - mit einem deutschen Sieg natürlich.