Von Robert Probst

Am 7. September 1949 hat sich das Abgeordnetenhaus der Bundesrepublik am Rhein konstituiert. Sechzig Jahre später kamen etwa 600 Abgeordnete in die alte Hauptstadt.

Auch Felix Keetenheuve kam zu Wort in dieser Feierstunde. Jener fiktive Bundestagsabgeordnete, dessen Taten und Nöte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen 1953 in seinem "Treibhaus" so genau schilderte, dass der Roman noch heute für das Verständnis der Adenauer-Zeit als unersetzlich gilt. "Das Ansehen der Demokratie war gering. Sie begeisterte nicht", heißt es in einer Passage bei Koeppen, die der Schauspieler Wolfram Koch vortrug. Dies hat sich in den vergangenen Jahrzehnten fundamental geändert.

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Am 7. September 1949 hatte sich das Abgeordnetenhaus der eben gegründeten Bundesrepublik am Rhein konstituiert. 60 Jahre später wurde dort wieder getagt. (© Foto: Reuters)

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Nicht zuletzt deshalb könnten die Parlamentarier "stolz und selbstbewusst in die Zukunft blicken", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bei der Festveranstaltung am Montag in Bonn zum sechzigsten Jahrestag der ersten Sitzung des Bundestags.

Eine neue Ordnung

Am 7. September 1949 hatte sich das Abgeordnetenhaus der eben gegründeten Bundesrepublik am Rhein konstituiert. Alterspräsident Paul Löbe (SPD) - der zuvor bereits lange Jahre Präsident des Reichstags in der Weimarer Republik gewesen war - fasste damals die Hoffnungen und Erwartungen der Bürger an das Parlament zusammen: "Dass wir eine stabile Regierung, eine gesunde Wirtschaft, eine neue soziale Ordnung in einem gesicherten Privatleben aufrichten, unser Vaterland einer neuen Blüte und neuem Wohlstand entgegenführen."

Eine mutige Prognose, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Holocaust und der deutschen Teilung. Doch Löbe ging noch weiter: "Indem wir die Wiedergewinnung der deutschen Einheit als erste unserer Aufgaben vor uns sehen, versichern wir gleichzeitig, dass dieses Deutschland ein aufrichtiges, von gutem Willen erfülltes Glied eines geeinten Europas sein will."

Sechzig Jahre später waren nun etwa 400 ehemalige und etwa 200 aktuelle Bundestagsabgeordnete wieder in die alte Hauptstadt gekommen, um im ehemaligen Plenarsaal - inzwischen World Conference Center genannt - der "bescheidenen Anfänge", so Lammert, der zweiten deutschen Demokratie zu gedenken. Das Bewegende an diesem Tag der Rückschau: Löbes kühne Hoffnungen haben sich erfüllt, nicht aufgrund eines Wunders, aber durch "glückliche Fügung" habe die Bundesrepublik eine "beispiellose Zeit des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands" erlebt, sagte Lammert in seiner Festrede.

Bonner Jahre haben die Republik geprägt

Gespickt mit Anekdoten aus der Anfangszeit der "wenig spektakulären, aber würdigen" Hauptstadt Bonn ließ der CDU-Politiker die "Erfolgsgeschichte" eines starken Parlaments Revue passieren: "Die Bonner Jahre haben die Republik geprägt - bis heute." Es sei nicht erstaunlich, dass Verfahren und Stil ohne jede substantielle Änderung auch nach Berlin übertragen wurden. "Bonn ist nicht Weimar, und Berlin ist in mancherlei Hinsicht Bonn geblieben", sagte Lammert. "Das eine ist so beruhigend wie das andere."

Am "zentralen Ort der Entscheidungsfindung in Deutschland" wurden in den vergangenen Jahrzehnten bisher 3607 Plenarsitzungen abgehalten, die Stenographischen Berichte umfassen laut Bundestagsverwaltung 273 311 Seiten, 7031 Gesetze wurden verabschiedet - und nicht zuletzt des Grundgesetz mehr als 50 Mal geändert und ergänzt.

An der Feierstunde nahmen Bundespräsident Horst Köhler, Kanzlerin Angela Merkel, mehrere aktive und frühere Bundesminister, sowie zahlreiche geladene Gäste teil. Vor allem beim anschließenden Empfang wird sich mancher aktive Wahlkämpfer Rat von altgedienten Politikern geholt haben - etwa von Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff, Horst Ehmke oder Rita Süssmuth.

Zur Auflockerung der staatstragenden Atmosphäre gab es außer dem Koeppen-Text ein Jazzmedley zu hören, in dem die Melodie des Kölner Karnevalshits von 1948 "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" verarbeitet wurde. Vor der Gründung der BRD hatte die Westalliierten ihre Besatzungsgebiete zur Tri-Zone zusammengefasst. In dem Text heißt es: "Ein Trizonesier hat Humor/Er hat Kultur, er hat auch Geist/Darin macht keiner ihm was vor." So viel zum Thema Selbstbewusstsein.

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(SZ vom 8.9.2009/vw)