Liebe Christen, liebe Katholiken: Religion und Eros gehören zusammen. Echte Spiritualität hat also eine erotische Dimension, die Verbindung zu Gott kann nicht körperlos bleiben. Und echte Erotik hat eine spirituelle Dimension - in ihr lässt sich Gott ahnen. Wer so etwas sagt?
Das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken, Papst Benedikt XVI., der als Kardinal Joseph Ratzinger und Präfekt der Glaubenskongregation doch eher als Beleg dafür galt, dass das katholische Lehramt das Geistige schätzt und mit dem Leiblichen so seine Probleme hat.
Papst Benedikt XVI. hat seine erste Enzyklika vorgestellt (© Foto: dpa)
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Nun ist des Papstes Plädoyer für den Eros mit einem großen "Allerdings" versehen: Dieser Eros bedarf "der Zucht, der Reinigung", und die geschieht durch den Glauben und seine Regeln, sonst droht die Vergötzung der Sexualität zum Schaden der Menschenwürde; deshalb soll sie ihre göttliche Dimension in der guten katholischen Ehe entwickeln. Über die Dimensionen der Liebe homosexueller Paare oder unverheirateter Menschen sagt Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" nichts. Er ist eben kein Horst Köhler der katholischen Kirche, der erklären könnte, dass auch in der Liebe außerhalb der kirchlichen Normen Gott sein kann.
Und trotzdem ist das erste Lehrschreiben des Papstes, traditionellerweise eine Art Regierungserklärung des neuen Pontifex, ein bemerkenswertes, über viele Passagen hinweg herausragendes Dokument. Nicht, weil es von der Kardinaltugend der Liebe handelt, sondern wie das geschieht. Wie die Enzyklika an vielen Stellen nachdenklich, geradezu suchend daherkommt, wie sie - weit gehend- ohne erhobenen Zeigefinger auskommt (und manchmal leisen Humor wagt), wie sie mehr über das Befreiende des Glaubens redet als über das Einengende.
Der christliche Gott fordert nicht, wie die antiken Götter, von den Menschen Liebe und Verehrung - er liebt selber. Das ist für Benedikt XVI. das Neue im jüdisch-christlichen Gottesbild. Und weil der Mensch ein Gleichnis Gottes ist, sucht er nach Liebe, er empfängt sie, verschenkt sie. Diese Liebe wiederum ist umfassend, zu ihr gehören der Eros, die körperliche Liebe, die Agape, die geistige Liebe und die Diakonia oder Caritas, die tätige Liebe, die Solidarität. Fehlt eine der drei Formen der Liebe, ist sie nicht vollständig.
Breiten Raum widmet der Papst der Caritas, der tätigen Liebe. Selbst die gerechteste aller Welten braucht diese Caritas, und die wiederum muss mehr sein als ein professioneller Sozialdienst, der sich in Aktionismus erschöpft; sie braucht das "sehende Herz", wie Benedikt formuliert. Die tätige Liebe soll den Christen, besonders den Laienchristen, befähigen, sich politisch zu engagieren, nicht um der Kirche Macht über den Staat zu verschaffen, nicht, um Kirchenmitglieder zu werben, sondern damit die Rechte aller, besonders der Armen und Gedemütigten, zur Geltung kommen.
Der Papst zeichnet das Bild einer "Kirche für andere", wie der evangelische Märtyrer Dietrich Bonhoeffer es einst formulierte. Eine, die weder in weltverbesserischem Eifer Patentrezepte zur globalen Gerechtigkeit verkündet noch angesichts des Elends der Welt verzagt oder zynisch wird. Die immer dann Einspruch erhebt, wenn jemand den Himmel auf Erden verspricht, sei es das sozialistische oder das globalkapitalistische Paradies.
Papst Benedikt XVI. erfindet seine Kirche nicht neu - alles ist gesicherte katholische Lehre. "Deus Caritas est" ist alles andere als ein Reformschreiben. Und dennoch: Wie groß ist der Unterschied zu jener Predigt, die Joseph Ratzinger, der Kardinalsdekan, zur Eröffnung des Konklaves vor bald einem Jahr gehalten hat! Damals redete er düster von den modernen Ideologien, die das Schifflein der Gläubigen bedrohten, von der "Diktatur des Relativismus", der die Katholiken einen scharf abgrenzenden Glauben entgegensetzen müssten.
Jetzt nähert er sich der Frage, wie die katholische Kirche in und mit der Welt zu leben habe, von der anderen Seite: Die Kirche und die Gläubigen werden an der Liebe gemessen, die sie in die Welt bringen. Der kirchlich geformte Glaube ist dabei eine Reinigungs- und Kontrollinstanz der Liebe, der Vernunft, der politischen Aktion. Glaube und Vernunft - mit diesem Verhältnis hat sich Joseph Ratzinger immer wieder beschäftigt. Hier liegt das Konfliktpotenzial dieses ersten Lehrschreibens. Wie muss diese Reinigung geschehen? Mit scharfem Chlor, Desinfektionsmittel und Geruchsreiniger - also mit strenger Reglementierung und Bestrafung der Abweichler, mit dogmatisierten Glaubenssätzen? Oder hautverträglich und biologisch abbaubar - als eine Art Einspruchsmacht, die Grenzen aufzeigt, wenn des Menschen Würde leidet, aber auch selber Grenzen kennt?
Der Papst geht auf diese Frage nicht weiter ein. Dennoch sollte diese Enzyklika tatsächlich zum Programm des Papstes und der katholischen Kirche werden: Die Liebesfähigkeit Gottes ist der Grund der Kirche, der Liebesschrei der Menschen ihr Auftrag - ein anspruchsvolles, nie erfüllbares Programm. Doch wenn die Christen samt Papst ihm tatsächlich nacheifern, sich an ihm messen lassen, dann braucht die katholische Kirche keine Angst um ihre Zukunft haben. Egal, wie sich die Kirchensteuer entwickelt.
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(SZ vom 26.01.2005)