Ernährung Was auf den Tisch kommt

Die Deutschen klagen gerne über die Qualität ihrer Nahrungsmittel. Aber die wenigsten sind bereit, ihr Kaufverhalten oder ihre Ernährung zu ändern. Nur so ließe sich die Agrarindustrie dazu bewegen, ihre maßlose Produktion umzusteuern.

Von Jan Heidtmann

In Berlin zeigen die Bauern in diesen Tagen, was sie draufhaben. Die Grüne Woche ist ihre Leistungsschau, das "Davos der Landwirtschaft" wie der Bauernverband schreibt. Zur gleichen Zeit erscheint ein kleiner Gesprächsband mit dem Titel "Die Wurzeln des guten Geschmacks". Carlo Petrini, Gründer der Slow-Food-Bewegung, und der Biologieprofessor Stefano Mancuso reden über eine extensive Nahrungsmittelproduktion; darüber, dass der größte Teil des weltweiten Kalorienbedarfs von nur drei Pflanzen gedeckt wird, obwohl es Zehntausende genießbare Arten gäbe; darüber, wie Menschen im Gleichgewicht mit der Natur leben könnten.

Eine Landwirtschaftsmesse und ein Mahnbuch - diese Koinzidenz ist reiner Zufall, und doch gehört beides zusammen. Hier werden die Extreme in der Debatte um die richtige Ernährung markiert. Auf der einen Seite eine hoch technisierte, auf Masse getrimmte Agrarindustrie. Auf der anderen Seite die Vorstellungen zweier Idealisten. Wie unversöhnlich die Positionen sind, zeigte sich, als 23 000 Menschen in Berlin für eine Wende in der Landwirtschaft auf die Straße gingen. Gleichzeitig lässt der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, wissen: "Die Agrarwende, wie viele sie sich vorstellen, wird nicht kommen."

Wer über Nahrungsmittel klagt, muss sein Kaufverhalten ändern

Eine neue Landwirtschaft mag nicht kommen, aber das bestehende System ist an seine Grenzen geraten. Die Landwirtschaft arbeitet so intensiv, dass sie mit ihren Treibhausgasen das Klima zerstört und durch den Einsatz von Chemie die Umwelt. Damit sich die eng gehaltenen Tiere nicht selbst zerfleischen, werden Schweinen die Schwänze und Hühnern die Schnäbel abgeschnitten; Ferkel werden ohne Betäubung kastriert, Küken für unnütz erklärt und zu Zehntausenden geschreddert.

Der Bauernpräsident hat recht, wenn er sagt, dass über 80 Millionen Menschen nicht vom idyllischen Hof nebenan ernährt werden könnten. Allerdings gilt auch, dass die Scholle ihre eigenen Besitzer derzeit kaum ernähren kann: In den letzten beiden Jahren haben die Bauern in Deutschland fast ein Drittel ihres Einkommens eingebüßt, bis zum Sommer, so wird geschätzt, wird es die Hälfte sein.

Mit schuld daran sind die Bauern und ihr Verband selbst. Sie haben darauf gesetzt, ihre Produkte auch auf den Weltmärkten zu verkaufen. Das Embargo gegen Russland und die Wirtschaftsschwäche in China haben die Preise einbrechen lassen. Gleichzeitig wurde die Bioproduktion vernachlässigt: Gerade einmal sechs Prozent der landwirtschaftlichen Produkte werden auf Ökobauernhöfen hergestellt, der Bedarf liegt aber bei 20 Prozent. Nun kommen Bio-Tomaten und Bio-Äpfel aus Spanien, Portugal oder Chile.

Tatsächlich verantwortlich für die missliche Lage sind die Deutschen vor allem selbst. Zwar wird so viel über gute Ernährung debattiert wie selten zuvor. Doch es ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sich wirklich dafür interessiert, was auf den Tisch kommt. Das Gros der Deutschen ist zufrieden mit dem, was an Lebensmittel angeboten wird. Und Bekundungen, auch etwas mehr Geld auszugeben, damit es den Tieren besser geht, sind beim Einkauf schnell vergessen. Für die meisten Deutschen zählt vor allem der Preis. In Europa geben nur Österreicher und Briten einen geringeren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus.

Kaum verständlich ist deshalb, dass sich Landwirtschaftsminister Christian Schmidt nach wie vor weigert, Fleisch und andere Lebensmittel nach Herkunft und Produktionsbedingungen klar erkennbar und verbindlich kennzeichnen zu lassen. Die Pflicht, dies bei Hühnereiern zu tun, zeigt, wozu das führen kann: die Zahl der abgesetzten Bio-Eier ist massiv gestiegen.