Ermittlungen zum NSU-Prozess Der Zeuge mit der Pumpgun

Hier schauen die NSU-Ermittler besonders genau hin: Der Ex-V-Mann "Primus" war oft mittendrin in der rechtsradikalen Szene und ist deshalb ein wichtiger Zeuge. Doch nun gibt es einen frischen Verdacht gegen "Primus".

Von Hans Leyendecker und Tanjev Schultz

In der rechtsextremen Szene trug der Sachse mit dem Kampfhund den Spitznamen "Manole". Der Verfassungsschutz, für den er viele Jahre als Quelle arbeitete, gab ihm den Decknamen "Primus". Wann war der 41-jährige Mann mit den vielen Identitäten wer, und was hat er so alles gemacht? Die NSU-Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) sowie der Untersuchungsausschuss des Bundestags suchen Antworten auf diese Fragen.

Auf Fotos in vertraulichen Ermittlungsakten sieht "Primus" respektive "Manole" aus, wie man sich so einen Typen vorstellt: Auf einem Bild posiert der glatzköpfige Mann mit einer Pumpgun, sein dicker Bauch ist weiß. Als "Mann ohne Hals" habe ihn die Szene-Größe Thomas S. bezeichnet, erzählte "Primus" den Ermittlern. Thomas S. ist einer der Beschuldigten im NSU-Verfahren. "Primus" hat den Status eines Zeugen, aber die Ermittler betreiben großen Aufwand, um viel über ihn zu erfahren. Eine der vertraulichen Sachakten im Verfahren gegen "Beate Zschäpe u. a." trägt seinen Namen und ist 329 Blätter dick. Die Finanzermittlungen über ihn umfassen 116 Blatt. Manches, was die Behörden über "Primus" wussten, ist indes vernichtet: Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte dem BKA mit, die Personenakte sei im Oktober 2010 gelöscht worden. Der Nachrichtendienst verriet bei der Gelegenheit nicht, dass der Mann eine Quelle namens "Primus" war.

Die Schredder-Aktion mag ein Routine-Vorgang gewesen sein. Allerdings ist noch am 5. Dezember 2011, also nachdem der NSU entdeckt worden war, ein "Anlagenordner" vernichtet worden, in dem es um eine Abhörmaßnahme ging, die sich 1998/99 gegen Mitglieder und Unterstützer der Neonazi-Band "Landser" richtete. Möglicherweise kam "Manole" in dem Ordner vor. Sicher ist jedenfalls: Er gehörte zu den Personen, die im "Landser"-Verfahren ins Visier der Ermittler gerieten.

"Primus" arbeitete ein knappes Jahrzehnt für den Verfassungsschutz

Der Mann war oft mittendrin in der Szene und manchmal nur dabei. "Primus" müsste eigentlich eine gute Quelle des Verfassungsschutzes gewesen sein. Er kannte erstaunlich viele der mutmaßlichen NSU-Helfer - und auch André E., einen der Angeklagten des NSU-Verfahrens. Den Beschuldigten Jan W. beispielsweise, der angeblich eine Waffe für die Terrorbande besorgen sollte (was W. bestreitet) und der bei "Landser" eine wichtige Rolle spielte, bezeichnet "Primus" als "guten Kumpel". Mit ihm habe er noch 2012 über Facebook kommuniziert, sagt der Ex-Spitzel.

Ein knappes Jahrzehnt lang war "Primus" für den Verfassungsschutz tätig, bis 2007 lebte er in Zwickau. Dort betrieb er mehrere Läden, die in der Neonazi-Szene beliebt waren. Auch André E. wurde in einem der Läden gesehen. Ein Schriftstück deutet darauf hin, dass sich der Neonazi Tino Brandt, der selbst V-Mann war und die NSU-Mitglieder kannte, einmal in einem der Szene-Läden beworben hat. "Primus" bestreitet, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt gekannt zu haben. Ein Zeuge behauptete, Zschäpe habe in einem Laden von "Primus" als Aushilfe gearbeitet. Der Ex-V-Mann sagt, "das stimmt überhaupt nicht". Umfassende Ermittlungen haben den Zeugenhinweis nicht erhärten können. Die Ermittler gehen allerdings davon aus, dass Zschäpe als Kundin in einem der Läden auftauchte.

Es gab viele V-Leute im Umfeld des NSU, aber den Fall "Primus" macht ein frischer Verdacht bedeutsam. Die Ermittler prüfen, ob er 2001 im Zusammenhang mit der Mordserie eventuell Wagen angemietet hat. "Primus" betrieb nach der Jahrtausendwende auch eine Baufirma, für die er Autos anmietete. Der 41-Jährige sagte im Februar bei einer Zeugeneinvernahme durch das BKA, seines Wissens hätten weder er noch einer seiner Leute dem NSU Autos bereitgestellt. Seit 2009 lebt der Ex-Spitzel eher unauffällig in der Schweiz. Die Polizei registrierte mal rechtsextremistische Aufkleber an seinem Wagen. Ansonsten fiel er nicht mehr als Neonazi auf.

"Primus" kann sich klein machen. "Wir waren politisch nicht engagiert", sagt er über die alte Zeit. Und die Pumpgun? Die, sagt er, habe er für eine Jagdflinte gehalten. Bei einem Urlaub 2005 in Frankreich habe der Hausbesitzer ihm das Gewehr überlassen - "zum Posen".