Ermittlungen in der NSU-Mordserie Auf der Spur der Mietautos

Suche nach Beweisen: Im Februar reisten deutsche Ermittler in die Schweiz, um Ex-V-Mann "Primus" über die NSU-Terroristen zu befragen. Sie verfolgten dort eine neue Fährte. Es geht um Mietautos, die die Neonazis bei ihren Morden benutzt haben könnten. Sollte sich der Verdacht erhärten, so wäre das ein Skandal.

Von Hans Leyendecker und Tanjev Schultz

Mitte Februar reisten zwei Beamte des Bundeskriminalamts nach Chur in die Schweiz, um gemeinsam mit eidgenössischen Kollegen den ehemaligen deutschen V-Mann "Primus", der lange in Zwickau gelebt hatte, über die Neonazi-Mörderbande NSU und deren mutmaßliche Helfer zu befragen. Der Mann kannte sich in der rechten Szene gut aus, denn er gehörte früher selbst dazu.

Das Protokoll der Einvernahme, die fast fünf Stunden dauerte, umfasst 23 Seiten. Die NSU-Spezialisten stellten 111 Fragen, und als es nach Frage 96 sehr ernst wurde, machten sie den seit 2009 in der Schweiz lebenden 41-Jährigen eindringlich darauf aufmerksam, dass er gemäß Paragraf 55 der Strafprozessordnung ein Auskunftsverweigerungsrecht habe, wenn er sich durch eine Antwort selbst belasten könnte.

Zeitliche Überschneidungen bei zwei Morden

Sie wollten von dem Mann, der nach der Jahrtausendwende eine Baufirma betrieb, wissen, ob er die Autos, die er im Juni und August 2001 gemietet hatte, "dritten Personen" überlassen habe. Es gibt zeitliche Überschneidungen zwischen zwei Morden des NSU in Nürnberg und München und Fahrzeuganmietungen in Zwickau. Verklausuliert fragten sie Ex-"Primus", ob der Mann möglicherweise Beihilfe zu zwei Morden geleistet haben könnte.

Die Antworten, die er gab, änderten zwar nichts an seinem Zeugenstatus, aber ganz klar fielen sie nicht aus. Im Zusammenhang mit dem Mord am 13. Juni 2001 in Nürnberg sagte er, er könne sich nicht vorstellen, anderen Leuten einen Wagen gegeben zu haben. Und mit Blick auf den Mord am 29. August 2001 in München: "Nicht, dass ich es wüsste".

Ihm sei auch nicht bekannt, ob seine Angestellten anderen Leuten einen Wagen zur Verfügung gestellt hätten. Er traue keinem seiner ehemaligen Angestellten eine Mittäterschaft zu, sagte der Ex-V-Mann noch. Die Ermittler hakten nach. Sie fragten ihn noch einmal, ob er oder seine Leute dem Trio Fahrzeuge zur Verfügung gestellt hätten. Er antwortete: "Nein, meines Wissens nicht."

Auffällige Intensität bei der Spurensuche

Der einstige Informant ist also Zeuge geblieben, er ist kein Beschuldigter, die Unschuldsvermutung hat er ohnehin auf seiner Seite. Aber auffällig ist schon, mit welcher Intensität sich die Ermittler auf seine Spuren gemacht haben. Die Akte mit Vernehmungen zu seiner Person und seinem Gewerbe im Osten Deutschlands hat viele Blätter. Kein anderer Zeuge wurde derart ins Visier genommen. Bereits im Oktober war er in der Schweiz von BKA-Spezialisten befragt worden. Danach stellten die Ermittler ein weiteres Rechtshilfeersuchen.

Lange Zeit gingen sie dem offenbar falschen Verdacht nach, das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe habe in einem von seinen rechten Szene-Läden, in denen auch Bomberjacken und Springerstiefel verkauft wurden, als Verkäuferin gearbeitet. Jetzt verfolgen sie die Autospur.

Urlaubsfotos der NSU-Terroristen

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