Von Wolfgang Roth

Aussagen über das "wahre Ausmaß" der Katastrophe sind eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Tschernobyl aber wird immer bleiben, was es ist: ein Mahnmal der Technik-Geschichte, ein Irrweg, der viele Leben gekostet hat.

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", sagt Christus im Johannes-Evangelium. Den richtigen Weg zu finden, fällt den Menschen aber bis heute schwer, deshalb hat es die atomare Katastrophe von Tschernobyl gegeben, die sich am Mittwoch zum 20. Mal jährt. Und sie haben auch nicht die letzte Gewissheit über ihr Leben und das der anderen.

Tschernobyl

Der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl, umschlossen von einer Betonhülle. (© Foto: AP)

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Das hindert sie indes nicht daran, messianische Botschaften zu verkünden. Viele wähnen sich im Besitz der Wahrheit, der Wahrheit über die Zahl derer, die wegen des gemeingefährlichen Umgangs mit einem hochriskanten Reaktor vorzeitig ihr Leben lassen müssen. Die reine Wahrheit ist aber, dass es dabei nicht mehr geben kann als eine behutsame Annäherung an die Wahrheit.

Solche Unsicherheit verstört. Sicherheit, die sich als falsch herausstellt, kann aber noch verstörender wirken. In Russland galten die eigenen Kernkraftwerke natürlich als die sichersten der Welt. Im Westen mag man das bezweifelt haben, aber dass ein sowjetischer Reaktor in die Luft fliegen könnte, damit haben die damals verantwortlichen Wissenschaftler und Politiker im Leben nicht gerechnet. Das erklärt die Hilflosigkeit, mit der die offiziellen Stellen hierzulande auf die erhöhte Strahlung reagierten.

Das "wahre Ausmaß"? Eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Das sollte auch sonst zur Bescheidenheit mahnen, tut es aber nicht. Die umfassendste Datensammlung über die medizinischen Folgen stammt aus dem vergangenen Jahr, erhoben vom Tschernobyl-Forum, an dem sich Wissenschaftler im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA und anderer UN-Organisationen beteiligten.

Die Überschrift des Berichts lautet: "Das wahre Ausmaß des Unfalls". Das wahre Ausmaß, das sind nach dieser Studie etwa 9000 auf Tschernobyl zurückzuführende und langfristig zu erwartende Todesfälle in Russland, Weißrussland und der Ukraine.

Es handelt sich dabei um eine Schätzung auf der Basis bisheriger Erkenntnisse, vor allem der vergleichsweise abgesicherten Daten nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Kühn ist die Überschrift aber schon deshalb, weil sie die Folgen der zusätzlichen Radioaktivität in anderen Ländern außer Acht lässt.

Außerdem besteht wissenschaftlich durchaus Unsicherheit darüber, wie sich vergleichsweise niedrige Strahlendosen auswirken. Es hätte der Glaubwürdigkeit des Berichts deshalb nicht geschadet, wenn er deutlich zum Ausdruck gebracht hätte, dass "das wahre Ausmaß" des Unfalls eine Rechnung mit vielen Unbekannten ist.

Wer bietet mehr?

Mehr Zurückhaltung wäre aber auch jenen bevorzugt atomkritischen Organisationen anzuraten, die nun genau wissen, dass Tschernobyl in Wirklichkeit den dreifachen, fünffachen, zehnfachen Tod über die Menschheit gebracht hat. Man hat bisweilen den Eindruck, es handle sich um eine Veranstaltung, in der dem Meistbietenden die höchste Glaubwürdigkeit winkt.

Sicher haben viele dieser Multiplikatoren das ehrenwerte Motiv, das Leid der Opfer im rechten Licht zu zeigen, ihr Schicksal nicht zu bagatellisieren. Viele sehen sich auch in der Pflicht, gegen all jene anzugehen, die berufsmäßig oder aus Überzeugung die Risiken der Kernenergie verharmlosen. Dazu besteht immer wieder Anlass. Zum Beispiel hat die IAEA seinerzeit noch keinen Zusammenhang zwischen dem Reaktorunfall und den rapide zunehmenden Schilddrüsenerkrankungen der Kinder sehen wollen, obwohl diese Kausalität längst offenkundig war.

Das ändert aber nichts daran, dass sich all die Gegengutachten in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bewähren müssen. Wer den Experten, die dem Tschernobyl-Forum zugearbeitet haben, reflexhaft finstere Motive unterstellt, hängt Verschwörungstheorien an. Andererseits gilt aber auch: Eine Krankheitsursache, die statistisch nicht auffällig wird, kann deshalb trotzdem existieren. Ein durch die Wolke von Tschernobyl verursachter Krebs kann erst nach Jahrzehnten auftreten, ohne dass je der auslösende Faktor erkennbar wird.

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