Erinnerung an die Belagerung Leningrads Gaucks wortreiche Pflichterfüllung

Russische Soldaten in Winteruniformen der Roten Armee anlässlich der heutigen Parade in Sankt Petersburg

Tanja Sawitschewa wurde 1930 geboren, 1944 starb sie an den Folgen der Unterernährung. Ihr Tagebuch gilt in Russland als Beweis dafür, dass man nicht viele Worte braucht, um Unaussprechliches festzuhalten. Der Gedenkbrief von Bundespräsident Gauck an Wladimir Putin wirkt dagegen seltsam.

Ein Kommentar von Tim Neshitov

Hat Joachim Gauck wirklich das Tagebuch des russischen Mädchens Tanja Sawitschewa gelesen, geboren 1930, 1944 an den Folgen der Unterernährung gestorben?

Am Montag, dem 27. Januar, schrieb der Bundespräsident an Russlands Staatschef Wladimir Putin einen Brief zum Gedenken an die Befreiung Leningrads vor 70 Jahren: "Aus erschütternden Tagebüchern wie dem von Tatjana Sawitschewa kennen wir die Schreie und die Tränen, die Verzweiflung und den endlosen Hunger und den Überlebenskampf der Eingeschlossenen."

Tanja Sawitschewa schrieb weder von Tränen noch von Schreien. Ihr Tagebuch enthält neun Einträge: "Schenja starb am 28. Dezember um 12:00 Uhr vormittags 1941 / Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942 / Ljoka starb am 17. März um 5 Uhr vormittags 1942 / Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht 1942 / Onkel Ljoscha am 10. Mai um 4 Uhr nachmittags 1942 / Mutter am 13. Mai um 7:30 vormittags 1942 / Die Sawitschews sind gestorben / Alle sind gestorben / Nur Tanja ist geblieben."

In Russland kennt man dieses Tagebuch als einen Beweis dafür, dass man nicht viele Worte braucht, um Unaussprechliches festzuhalten. Bestimmt hat auch Joachim Gauck es gelesen, bestimmt kennt er auch andere, detaillierte Tagebücher aus Leningrad. Warum liest sich dann sein Schreiben wie eine wortreiche Pflichterfüllung, die den russischen Nachrichtenagenturen keine Erwähnung wert ist?

Als die Menschen auf der Straße starben

mehr...

Vielleicht liegt es daran, dass Gauck sich in einem protokollarischen Akt an Putin wendet und nicht etwa an das Publikum eines von Putin kontrollierten Fernsehsenders. Vielleicht liegt es an dem staatstragenden Wunschdenken, das Gaucks Schreiben durchzieht. "Das ungeheure Ausmaß des menschlichen Leids macht uns immer noch fassungslos. In Russland, aber auch in Deutschland ist die Erinnerung an diese unbarmherzige Belagerung lebendig."

Die Rolle der roten Kader ist bis heute ungeklärt

Bei allen Errungenschaften der deutschen Gedenkkultur: Die Erinnerung an die Belagerung Leningrads macht hier heute die wenigsten Menschen fassungslos. Leningrad, Stalingrad, oder war es Wolgograd? Im kollektiven Gedenkkalender ist der 27. Januar der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde (1945), nicht Leningrad (1944). Eine Gedenkstunde im Bundestag wird nichts daran ändern.

Vielleicht sind aber die Russen bloß mit sich selbst beschäftigt. Die wenigen Überlebenden beziehen eine Rente von umgerechnet 190 Euro. Die Rolle der roten Kader während der Belagerung ist bis heute nicht aufgeklärt. "Ich weiß nicht, was ich mehr verspüre", schrieb 1941 die Leningrader Dichterin Olga Berggolz in ihr Tagebuch. "Hass auf die Deutschen oder Frust auf unsere Oberen, einen rabiaten, bedrückenden, mit wildem Mitleid gemischten Frust (...) Gesindel, Hochstapler, gnadenloses Gesindel." Dieses Tagebuch wurde beschlagnahmt und erst 2010 veröffentlicht.

Wladimir Putin verkörpert mit seiner sowjetischen Nostalgie einerseits den Geist des Sieges gegen Hitler. Als KGB-Mann verkörpert er die Straflosigkeit, die in Russland Tradition hat.