Erdoğan als Kettenhund Von der Leine gelassen

Diese Karikatur, die Achim Greser und Heribert Lenz bereits 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht haben, hat in der Türkei für Empörung gesorgt.

(Foto: Aus der FAZ/Greser & Lenz)

Die türkische Regierung ist empört über eine Karikatur in einem deutschen Schulbuch, die angeblich Hass, Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie anheizen könnte. Tatsächlich soll das Bild im Unterricht genau das Gegenteil erreichen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Auf den Namen Erdoğan hört der Kettenhund, den ein türkischer Migrant und Almhüttenbetreiber in einer Zeichnung der Satiriker Greser&Lenz hält. Erschienen ist die Karikatur ursprünglich bereits am 6. November 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Von einer Reaktion der damaligen türkischen Regierung ist nichts bekannt. Nun hat die türkische Regierung die Karikatur in einem Schulbuch für Gemeinschaftskunde und Wirtschaft in Baden-Württemberg entdeckt. Ihre Empörung hat zu einem heftigen Schlagabtausch mit - und zwischen - deutschen Politikern geführt.

Die Zeichnung beleidige das Staatsoberhaupt der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, und die in Deutschland lebenden Türken, kritisierte das türkische Außenministerium, und sprach von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, Hass und Islamophobie. Unterstützung erhielten die Türken von den CDU-Bundestagsabgeordneten Cemile Giousouf und Oliver Wittke, die den Abdruck der Zeichnung in dem Schulbuch als "völlig inakzeptabel" bezeichneten.

Baden-Württembergs Landeschef Winfried Kretschmann (Grüne) hielt dagegen. Erdoğan wolle von Rechtsstaatsproblemen im eigenen Land ablenken. In der Türkei dürften sich etwa die Aleviten nicht vom regulären Religionsunterricht abmelden, um ihren eigenen Unterricht abzuhalten. Und es sei schließlich bekannt, wie Erdoğan selbst mit Kritikern umgehe. Auch die Bundesregierung hat inzwischen empfohlen, die Angelegenheit mit "Gelassenheit" zu sehen. Regierungssprecher Steffen Seibert wies in Berlin auf das "volle Bekenntnis zur Pressefreiheit, zur Meinungsfreiheit und zur Kunstfreiheit" in Deutschland hin.

Doch worum geht es eigentlich? Auf der Zeichnung ist ein Türke zu sehen, der einem offenbar bayerischen Trachtenträger auf einer Almhütte ein Essen serviert hat. Gewürzt mit einem bayerischen Fluch weist er eine Beschwerde des Gastes in schlechtem Deutsch zurück. Im Hintergrund ist ein zähnefletschender Kettenhund zu sehen, an dessen Hütte der Name "Erdogan" prangt. Der Titel der Zeichnung lautet "50 Jahre Türken in Deutschland: Eine Erfolgsgeschichte."

Am 9. Mai 2004 veröffentlichte die türkische Zeitung Cumhuriyet diese Erdoğan-Zeichnung des Karikaturisten Musa Kart. Das Bild bezog sich auf Korruptionsvorwürfe gegen den Politiker. Kürzlich wurde Kart vor Gericht in letzter Instanz vom Vorwurf der Beleidigung freigesprochen.

(Foto: Cumhuriyet/Musa Kart/Schlötzer)

Das Schulbuch, in dem die Karikatur nun aufgetaucht ist, gehört zu dem zweibändigen Unterrichtswerk TEAM. Die Karikatur befindet sich im Kapitel "Einwanderung nach Deutschland", auf einer Seite, die sich mit der in der Gesellschaft kontrovers diskutierten Frage befasst: "Wie weit soll Integration gehen?" Es wird dort zum Beispiel ein Rollenspiel skizziert, in dem Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Perspektiven von "Einheimischen" und "Migranten" einnehmen.

Ob die Wahl des Bildes für das Buch nun geschickt war oder nicht - die Vorwürfe aus der Türkei weist der Herausgeber Wolfgang Matthes weit von sich.

Das Bild und die Auseinandersetzung damit sollen ihm zufolge erreichen, "dass Jugendliche die Wirkungsabsicht einer Karikatur zu deuten vermögen, sich kritisch damit auseinandersetzen, um dann zu einer eigenen Bewertung zu finden".

Matthes selbst interpretiert die abgebildete Karikatur nicht als Beleidigung der Türken. Sie sei gerade deshalb ausgewählt worden, "weil sie viel eher als integrationsverstärkend interpretiert werden kann als umgekehrt". Schließlich zeige sie, wie normal der Umgang zwischen deutschen und türkischen Mitbürgern inzwischen geworden sei.

"Offenheit und Toleranz fördern"

Das Ziel der Arbeit im Gemeinschaftskundeunterricht ist Matthes zufolge gerade das Gegenteil dessen, was dem Schulbuch nun unterstellt wird. Es gehe darum, "ausgrenzenden, ausländerfeindlichen, rassistischen Einstellungen entgegenzuwirken, Offenheit und Toleranz zu fördern und den Lernenden Wege aufzuzeigen, wie Integration erfolgreich gestaltet werden kann", betont der Herausgeber. Vor diesem Hintergrund hat das Kultusministerium in Baden-Württemberg das Buch auch zugelassen.

Mit ihrer Kritik spricht die türkische Regierung den Gemeinschaftskundelehrerinnen und -lehrern in Baden-Württemberg indirekt die Fähigkeit oder den Willen ab, das Bild im Unterricht so zu behandeln, wie es das Kultusministerium in Baden-Württemberg von ihnen erwartet. Dort geht man davon aus, dass die Lehrkräfte durchaus in der Lage sind, "das Thema differenziert zu diskutieren".

Trotzdem erklärt der Herausgeber, es würde niemals in seiner Absicht oder der der Autoren und Lehrer liegen, andere zu beleidigen oder abzuwerten. "Wir bedauern, wenn dieser Eindruck entstanden ist." Auch Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) erklärte sein Bedauern darüber, dass die Darstellung zu Irritationen bei Teilen der türkischstämmigen Bevölkerung geführt habe.

Welche Folgen der Protest aus der Türkei haben wird, ist offen. Über den Einsatz von Schulbüchern entscheiden die Schulen vor Ort. Lehrerinnen und Lehrer könnten das Bild aber nun auch noch zum Anlass nehmen, den Umgang von Regierungen mit ihren Kritikern und Spöttern zu diskutieren.

Der Protzpalast des Recep Tayyip Erdoğan

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