Erdbeben in Japan: Wirtschaftliche Folgen Schock für die Weltwirtschaft

Die Folgen des Bebens sind nicht nur für die Menschen in Japan eine Katastrophe. Sie könnten auch neue Schockwellen auslösen, die die Weltwirtschaft treffen: Die Industrie ist fast vollständig lahmgelegt, viele Transportwege sind blockiert.

Von Markus Balser

Wie gefallene Dominosteine liegen Container kreuz und quer im Hafen von Sendai. Der Tsunami spülte die tonnenschwere Fracht über das Areal des wichtigen Export-Umschlagplatzes im Nordosten Japans. Die gespenstische Szenerie steht für das Ausmaß der Zerstörung in weiten Teilen des Landes. Immer mehr Nachrichten über beschädigte Fabriken, zerstörte Straßen oder verwüstete Häfen, Stillstände in Kraftwerken und Raffinerien erreichen die Regierung in Tokio. Am Sonntag sah sie sich zu einer ernsten Warnung gezwungen: "Das Erdbeben wird beträchtliche Folgen für die wirtschaftliche Aktivität einer großen Zahl von Branchen haben", sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

Container in Sendai, Nord-Japan: Die Industrie in Japan ist fast vollständig lahmgelegt

(Foto: AP)

Das Beben und die wachsende Angst vor dem atomaren Super-GAU sind nicht nur für die betroffenen Menschen im Land eine Katastrophe. Sie könnten auch neue Schockwellen auslösen, die die Weltwirtschaft treffen. Die wichtige Autoindustrie legte der Tsunami fast vollständig lahm. Die Konzerne Toyota, Nissan und Honda mussten ihre gesamte Produktion aussetzen. Allein bei Toyota sind zwölf Fabriken betroffen. Auch in den Werken des Technologieriesen Sony kommt es zu Produktionsstopps.

Zerstörte Infrastruktur

Zum größten Problem für die Wirtschaft wird die zerstörte Infrastruktur des Landes. Transportwege sind in mehreren Provinzen zerstört, die Energieversorgung vielerorts lahmgelegt. In der Hauptstadt Tokio und in mehreren anderen Städten muss die Elektrizität bereits rationiert werden. Dabei werde es vorübergehend zu vollständigen Stromausfällen kommen, teilte das Versorgungsunternehmen Tokyo Electric Power am Sonntag mit. Die Maßnahmen sollten am Montag beginnen. Wie lange sie dauern, ließ der Konzern offen. Die für Japan wichtige Atomstromproduktion wurde durch Stör- und Ausfälle in etwa halbiert. Elf Reaktoren in vier Atomkraftwerken liefern keinen Strom mehr. Auch Gaslieferungen mussten in mehreren Städten wenigstens zeitweise unterbrochen werden.

So führt die Katastrophe zu Produktionsausfällen im großen Stil. Ökonomen sehen bereits Hinweise für eine neue Rezession. Durch die Katastrophe werde die Wirtschaft des Landes "spürbar geschwächt", sagt Commerzbank-Ökonom Wolfgang Leim. "Der Zeitpunkt hätte nicht schlimmer sein können", erklärt die Beratungsfirma Capital Economics. Wegen des teuren Wiederaufbaus werde der enorme Schuldenberg des Landes weiter wachsen. Dabei hatte schon die globale Finanzkrise Japan hart getroffen: Die Wirtschaftsleistung war 2009 um fünf Prozent eingebrochen - so stark wie in keinem anderen der sieben größten Industrieländer.

Die Katastrophe kann sich aber auch auf die fragile Weltwirtschaft auswirken. Schließlich zählt Japan zu den wichtigsten Wirtschaftsnationen und ist als eines der bedeutendsten Exportländer besonders eng mit der Weltwirtschaft verzahnt. Bis 2009 rangierte Japan mit seinen fast 130 Millionen Bürgern hinter den USA auf Rang zwei der größten Volkswirtschaften. Erst im vergangenen Jahr überholte China den asiatischen Konkurrenten. Noch immer aber steht Japan für gut acht Prozent des gesamten Welteinkommens.

Nervosität an den Finanzmärkten

An den internationalen Finanzmärkten wächst die Nervosität. Wegen der Unruhen in Nordafrika, des steigenden Ölpreises und der Schuldenkrise in Europa sind Investoren derzeit ohnehin in Alarmstimmung. Sie befürchten nun, dass die Folgen des Bebens am Montag bei Eröffnung der Börse in Tokio einen Kursrutsch auslösen und später auch die großen Weltbörsen belasten könnten. Experten erwarten, dass der Nikkei-Index zu Wochenbeginn unter die wichtige Marke von 10 000 Punkten fällt. Er hatte am Freitag bereits 1,7 Prozent verloren und schloss bei 10 254 Punkten, dem niedrigsten Stand seit Januar. Zu diesem Zeitpunkt waren die Auswirkungen des Bebens allerdings noch nicht absehbar.

Nach dem Jahrhundertbeben will Japans Notenbank die Märkte nun mit einer Notaktion beruhigen. Wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji ohne Angabe von Quellen berichtet, will die Bank von Japan dem Geldmarkt am Montag mehrere Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Sie hatte bereits angekündigt, "ihr Äußerstes zu tun, um die Stabilität der Finanzmärkte zu gewährleisten".

Bis Sonntag versorgte sie 13 Finanzinstitute bereits mit insgesamt etwa 55 Milliarden Yen (483 Millionen Euro) - eine Sonderhilfe, damit die Branche den Folgen des Bebens wenigstens kurzfristig gewachsen ist. Nach Angaben der Zentralbank standen Kunden schon am Wochenende Schlange, um Geld abzuheben. Die konservative Opposition, die bislang alle Ausgaben der Mitte-Links-Regierung so gut es ging blockierte, hat signalisiert, dass sie Staatshilfen für das Katastrophengebiet mittragen werde.