Enzyklika von Benedikt Der weltfremde Papst

Unscharf, schwammig, routiniert: Papst Benedikt versucht der Globalisierung eine globale Moral zur Seite zu stellen. Doch seine Sozialenzyklika ist eine Enttäuschung. Es fehlt die visionäre Kraft.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Die "neuen Dinge" beunruhigten Papst Leo XIII. Das Elend der Fabrikarbeiter und der Reichtum der Fabrikanten, die Radikalität der Kommunisten und der liberalen Ideologen. Sein Lehrschreiben "Rerum Novarum" begründete 1891 die katholische Soziallehre.

Sie stellte den Menschen in den Mittelpunkt, nannte das Kapital den Diener, nicht den Beherrscher des Menschen. Es war eine konservative Kapitalismuskritik, skeptisch gegenüber der Heiligung des Neuen, des Erfolges und der Autonomie. Sie hat sich als erstaunlich weitsichtig erwiesen: 1991, hundert Jahre nach Papst Leo XIII., erklärte Papst Johannes Paul II. aus der Kraft dieser Soziallehre heraus, mitten im Überschwang des Sieges über den Staatssozialismus, dass auch der Kapitalismus nicht zum Paradies führt.

Nun gibt es wieder "neue Dinge", beunruhigend und kaum fassbar. Das weltweite Finanzsystem taumelt, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, das Klima wandelt sich. Wieder veröffentlicht ein Papst eine Sozialenzyklika - wer sonst könnte mit weltweiter Autorität der Globalisierung eine globale Moral zur Seite stellen?

Papst Benedikts Schreiben heißt "Caritas in Veritate", Liebe in Wahrheit - und es ist eine Enttäuschung. Es fehlt ihr die visionäre Kraft, die Paul VI. 1967 in seiner Sozialenzyklika "Populorum progressio" entfaltete, die prophetische Intensität der Schreiben Johannes Pauls II. - und das in einer Zeit, in der beides so notwendig wäre wie lange nicht mehr.

Ja, es steht alles irgendwie drin, was die katholische Soziallehre entwickelt hat. Es stimmt ja, wenn Papst Benedikt schreibt, dass es nicht genügt, ein paar Stellschrauben der Wirtschafts- und Finanzpolitik zu ändern, sondern dass eine globalisierte Welt eine globale Kultur der Liebe, Achtsamkeit und der Solidarität braucht, dass der egoistische Lebensstil der Reichen sich dringend ändern muss.

Es ist auch gut, wenn er immer wieder betont, dass der Mensch unverfügbar ist und nicht zum Objekt von Wirtschaft, Politik, Medizin werden darf. Wenn die Christen das nicht sagen, wer sonst? Der Papst ist für eine globale Autorität und für den gerechten Welthandel, für Vollbeschäftigung, soziale Sicherung, Umweltschutz, gegen Hunger, Geburtenkontrolle, Atheismus und Sex-Tourismus. Er ist für die Fülle dessen, was die Welt aus seiner Sicht besser macht.

Nur kommt es seltsam unstrukturiert und unverbunden daher, manchmal gar als pflichtschuldig aufgeführtes Sammelsurium; Punkt 26 des Textes beklagt die "kulturelle Verflachung", Punkt 27 den Hungertod von Millionen Menschen, 28 wendet sich gegen Empfängnisverhütung und Abtreibung. Dabei kann Joseph Ratzinger strukturieren und formulieren wie kaum ein Zweiter; es handelt sich also nicht um ein sprachliches Problem, sondern um Erkenntnisse und Wertigkeiten.

Stark formuliert ist die Enzyklika, wo sie über das Verhältnis von Wahrheit und Liebe philosophiert, wenn sie erklärt, dass wirtschaftliche, politische und moralische Entwicklung zusammengehören, wenn sie über die "Kultur des Todes" redet und über das Naturrecht. Engagiert ist sie, wo sie die "planmäßige Förderung der religiösen Indifferenz" beklagt, den Relativismus und die "moralische Unterentwicklung". Doch sie bleibt unscharf, schwammig, routiniert, wenn er mehr Kontrolle der Finanzmärkte wünscht, Wirtschaftsreformen fordert, den Klimawandel mit einem lapidaren Halbsatz anspricht.

"Caritas in Veritate" ist zunächst eine Kulturenzyklika und erst dann eine Sozialenzyklika, weil die Interessen des Autors in erster Linie kulturell und erst in zweiter Linie sozial sind. Sie ist vielfach kulturpessimistisch defensiv, sie verteidigt die katholischen Wahrheitskonzepte, sie verheddert sich in kirchlicher In-sich-Logik, wenn sie Hungertod und Geburtenkontrolle als zwei Seiten der gleichen Unmoral darstellt. Sie verliert dadurch die Kraft, die sie hätte haben können. Sie nimmt nichts zurück, was andere Päpste gesagt haben. Sie ist aber auch kein bewegender Appell an die Menschheit, nicht prophetisches Zeichen, Zeitansage, Aufbruchssignal.

Über vier Jahre hinweg wurde diese Enzyklika angekündigt - dafür ist das Ergebnis mager. Auch weil dem Papst anderes näher lag: die hochtheologisch-grundsätzlichen Lehrschreiben über Liebe und Hoffnung oder das Jesus-Buch. Und weil er sich trotzdem nicht überwinden konnte, Expertise von außen in den Vatikan zu holen, die es reichlich in der katholischen Kirche gegeben hätte.

Seit Pius XII. die Nachkriegs-Moderne nicht mehr verstand, ist kein Pontifex mehr so weltfremd gewesen wie Benedikt XVI. Der Welt fremd sein, ihr nicht in jeder Mode hinterherzujapsen, das ist durchaus eine Haltung, die christlichen Kirchen steht - und damit auch dem Papst. Benedikts Weltfremdheit hat der Welt einen großartigen Text gebracht: "Deus Caritas est", die Enzyklika über Gott, der die Liebe ist. Zunehmend aber werden die Grenzen dieses unpolitischen Papstes sichtbar, bei der Regensburger Rede wie beim Umgang mit den traditionalistischen Pius-Brüdern. Oder eben jetzt, wo ein Wort über die neuen Dinge dieser Welt notwendig gewesen wäre - und doch nur ein schwacher Aufguss des bereits Gesagten herausgekommen ist.