Der Westen ist von seinen ehemaligen albanischen Schützlingen enttäuscht / Unverhohlener Ärger in Berlin
(SZ vom 22.3.2001) - Die albanischen Separatisten haben mit ihren Überfällen im westlichen Mazedonien die Regie des bevorstehenden EU-Gipfeltreffens über den Haufen geworfen.
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Die Staats- und Regierungschefs werden sich am Freitag und Samstag in der schwedischen Hauptstadt Stockholm nicht wie ursprünglich geplant der Wirtschafts- und Sozialpolitik widmen können. Stattdessen wird es wieder einmal darum gehen, einen Brand auf dem Balkan zu löschen.
Der Westen, repräsentiert durch die Nato und die EU, muss sich eingestehen, dass die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung der Region nach dem Sturz des Milosevic-Regimes getrogen hat. Der extremistische Nationalismus lebt weiter.
Seine Fackelträger kommen nun ausgerechnet aus den Reihen der Albaner: Um diese Volksgruppe zu schützen, hatte sich die Nato zum Krieg im Kosovo durchgerungen. Javier Solana, der außenpolitische Repräsentant der EU, der damals als Generalsekretär der Allianz den Angriffsbefehl gegen Serbien gab, wird in Stockholm berichten, ob er nach seinen Gesprächen diese Woche in Mazedonien noch eine Chance sieht, den neuen Konflikt durch diplomatischen Druck einzudämmen.
Der Westen steckt in einem Dilemma. Er hat die separatistische albanische Befreiungsbewegung UCK im Kosovo nicht konsequent entwaffnet. Nun versuchen albanische Extremisten, den westlichen Teil Mazedoniens aus dem multi-ethnischen Staat herauszubrechen.
Schon während des Kriegs im Kosovo hat die Allianz keine Bodentruppen eingesetzt. Erst recht will sie sich nicht in einen Guerilla-Krieg in Mazedonien verwickeln lassen, der hohe Verluste in den eigenen Reihen zur Folge hätte.
Auf der anderen Seite ist die Nato die militärische Ordnungsmacht im Kosovo, der nach dem Krieg de facto ein Protektorat der Vereinten Nationen (UN) ist. Sie muss dafür sorgen, dass sich die Scharmützel an der Grenze zwischen Mazedonien und dem Kosovo nicht zu einem Flächenbrand ausweiten.
Militärisch eingreifen dürfte die Allianz nur, wenn das UN-Mandat für die Kososvo-Friedenstruppe KFOR auf Mazedonien erweitert würde. Das will sie aber nicht anstreben, weil darüber im UN-Sicherheitsrat abgestimmt werden müsste, in dem auch Moskau und Peking sitzen.
Die Kämpfe in Mazedonien haben jeden Zweifel beseitigt: Die Separatisten wollen ein Groß-Albanien erzwingen, so wie der ehemalige jugoslawische Machthaber Slobodan Milosevic ein Groß-Serbien wollte.
Die Opfer werden zu Tätern. Der Westen weiß nur zu gut, dass es falsch war, beim Friedensschluss von Dayton, mit dem 1995 der Bosnien-Krieg endete, die Kosovo-Problematik auszusparen. Nun könnte die mazedonische Hauptstadt Skopje ein zweites Sarajewo werden.
Es bleibt fraglich, ob sich der Konflikt eindämmen lässt, indem die Nato versucht, im Kosovo den Nachschub für die Freischärler zu unterbinden und die EU politischen Druck auf die Albaner und die mazedonische Regierung ausübt.
Letztere soll nach dem Krisenplan der Europäer schleunigst nachholen, was bisher zu langsam geschah: die Aufwertung und Besserstellung des albanischen Bevölkerungsteils, der sich zurückgesetzt fühlt.
Gleichzeitig wird Albanern jeglicher Couleur, in Albanien, im Kosovo und in Mazedonien, signalisiert, die EU werde ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn sie nicht der nationalistischen Gewalt abschwören.
In allen westlichen Hauptstädten schrillen wieder die Alarmglocken. In Berlin ist man bitter enttäuscht über diejenigen Albaner, die man während und nach dem Krieg unterstützt hat. Sie haben, darüber machen sich die Deutschen keine Illusionen, bei dem neuen Konflikt die Finger im Spiel.
Das Gespräch, das Bundeskanzler Gerhard Schröder vorige Woche mit dem als gemäßigt geltenden Albanerführer Ibrahim Rugova geführt hat, sei "nicht ganz so freundlich" verlaufen wie in vergangenen Zeiten, heißt es diplomatisch verbrämt. Rugova weigerte sich, Gewalt eindeutig zu verurteilen, weil er es sich nicht mit den Extremisten verderben will. "Wir müssen von jemandem wie Rugova, den wir über Jahre hinweg unterstützt haben, erwarten können, dass er sich in der Gewaltfrage glasklar positioniert", heißt es in Berlin.
Die Szene auf dem Balkan verdüstert sich. Der neue jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica will einen Jahrestag für die "Opfer des Nato-Überfalls" ausrufen lassen. Kein Zweifel: Im Hinterhof der EU wird wieder gezündelt.
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