Von Annette Ramelsberger

Terroristen beobachten genau, wie groß das Medieninteresse an den Geiseln ist und wer sich für sie einsetzt - der Krisenstab der Bundesregierung versucht, aus dem Fall Osthoff zu lernen.

Als Susanne Osthoff im Dezember in Geiselhaft saß, gab es viele Menschen, die in der Öffentlichkeit für sie kämpften. Frühere Bundespräsidenten setzten sich für ihre Freilassung ein, Mutter und Schwester zeigten sich mehrmals den Tränen nahe und mit Kopftüchern verhüllt im arabischen Fernsehen.

Steinmeier, ddp

Außenminister Steinmeier stellt sich den Kameras immer nur kurz. (© Foto: ddp)

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Und am Ende ließ sich gar Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder von seinem Englischkurs im britischen Wales nach Deutschland locken und appellierte via TV an die Entführer im Irak, die deutsche Archäologin freizulassen. Osthoff dankte Schröder nach dem Ende ihrer Geiselhaft ausdrücklich für diesen Einsatz.

Die Gesetze des Marktes

Ob er ihr allerdings wirklich nützte, ist eher fraglich. Denn der öffentliche Aufruhr hat die Verhandlungen im Entführungsfall Osthoff mehr erschwert als beflügelt, berichten Insider. "Die Gesetze des Marktes gelten auch im Irak, und sie gelten auch unter Geiselnehmern", berichtet ein Sicherheitsexperte.

"Je höher die Medienpräsenz einer Geisel, desto höher wird der Preis für sie." Denn mittlerweile gelten westliche Geiseln im Irak als Wirtschaftsgut, sie werden gehandelt und zum besten Preis weiterverkauft - an die Regierung ihres Heimatlandes, aber auch gern an andere Banden.

Der Auftritt bekannter Politiker und der Familie im Fernsehen habe die Summe für Osthoffs Freilassung klar nach oben getrieben, heißt es - ohne dass die Regierung jemals bestätigen würde, wie viel wirklich gezahlt wurde.

Deshalb agiert der Krisenstab im neuen Geiseldrama völlig anders. Diesmal gibt es keine Videoaufnahmen von den Familien der Entführten. Im Fall Osthoff waren die Aufnahmen noch unter Regie des Bundeskriminalamtes arrangiert und an den arabischen Sender al-Dschasira weitergeleitet worden.

"Nehmen Sie bitte Rücksicht"

Diesmal zeigen sich die Familienangehörigen der Entführten auch den Medien gegenüber betont zurückhaltend. Diesmal treten keine bekannten Politiker auf, diesmal schwört der Krisenstab auf Ruhe; insbesondere gegenüber den Medien.

Über Details der Entführung sollten Zeitungen, Fernseh- und Radiosender nicht berichten, appellierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. "Nehmen Sie bitte Rücksicht."

Den Kameras stellt sich der Außenminister immer nur kurz. Mit der Zurückhaltung will er offenbar auch verhindern, dass die Lösegeldforderungen steigen. Denn wenn die Geiseln nicht als übermäßig interessant gelten, sind die Entführer womöglich eher bereit, sie bald an die deutsche Regierung herauszurücken.

Wenn sie als hoch brisante Ware gelten, dann wandern sie oft von einer Gruppe zur nächsten - zu immer höheren Preisen, bis sie dann am Ende bei Islamisten landen, denen es nicht mehr um Geiselhandel geht, sondern darum, dem Westen zu zeigen, was er im Irak zu erwarten hat: nichts als den Tod.

"Alles, was man tut, macht den Fall nur komplizierter", sagt ein erfahrener Sicherheitsmann. "Alles macht die Geiselnahme noch bedeutender und verhilft den Entführern zu einer besseren Position. "Wir müssen", sagt er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, "aus dem Fall Susanne Osthoff lernen."

Ein anderer Diplomat warnte sogar davor, die Deutschen würden ungewollt durch immer mehr Aufregung den zynischen Handel der Geiselnehmer befördern. Einen Handel, den die satirische Zeitung Eulenspiegel vor ein paar Tagen mit dem Satz "Deutschland sucht die Supergeisel" kritisiert hat.

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(SZ vom 2.2.2006)