Von Joachim Käppner

Seit den 70er Jahren wurden zahlreiche Deutsche spektakulär entführt - viele der Fälle gingen glimpflich aus.

So ein Tag, so wunderschön wie heute..." Es war eine Liedzeile, die den Staat vorführen sollte und mit der dies auch gelang. März 1975: Das Zitat war das Codewort, das Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz im Fernsehen verkünden musste.

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Es bedeutete: Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle sind auf dem Weg in die Freiheit. Die fünf Terroristen waren von der "Bewegung 2. Juni" freigepresst worden, die den Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz entführt hatten und einen Austausch forderten.

Der Staat stand beschämt da, hilflos gegenüber einer Hand voll bewaffneter Stadt-Tupamaros. Aber Lorenz lebte, er kam heil nach Hause. Aus Sicht der Terroristen hatte sich die Aktion auf ganzer Linie gelohnt. Ihre Botschaft war angekommen: Gewalt zahlt sich aus.

1977 verschleppte ein RAF-Kommando den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und verlangte die Freilassung der in Stammheim einsitzenden Genossen. Der Krisenstab unter Leitung von Bundeskanzler Helmut Schmidt entschied sich damals für die israelische Lösung: kein Nachgeben, auch wenn dadurch Geiseln in Lebensgefahr geraten.

Die harte Linie und die gelungene Befreiung der gleichzeitig entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" durch die GSG9 gelten heute als klarer Sieg gegen den Terror. Die Bundesrepublik hatte ihre größte innere Krise gemeistert.

Die Mitglieder des Krisenstabs standen dabei unter enormem seelischen Druck. In Botschaften aus der Gefangenschaft forderte der verzweifelte Schleyer sie zum Teil persönlich auf, sein Leben zu retten. Seine Familie zog vor das Verfassungsgericht, das ihre Anträge auf Freilassung der Stammheimer Gefangenen am 16. Oktober ablehnte.

Am 19.Oktober 1977 wurde im Elsass Schleyers Leiche gefunden. Das Handeln der Regierung Schmidt hat, um diesen Preis, jene Maßstäbe gesetzt, die erklärtermaßen auch im Fall Osthoff gelten sollen: Der Rechtsstaat ist nicht erpressbar.

Die RAF verzichtete fortan auf den Versuch, durch Geiselnahmen Zugeständnisse zu erreichen; sie mordete zwar weiter, erholte sich von ihrer Niederlage aber nie.

Geld, statt Politik

Bei den wenigen spektakulären Entführungen, die es in der Bundesrepublik seither gab, ging es nicht um Politik, sondern nur ums Geld, etwa 1996 im Fall Jan Philipp Reemtsmas. Anders ist der Fall bei deutschen Staatsbürgern im Ausland.

So wurden im Jemen 1998, auf den Phillipinen im Jahr 2000 und in der Sahara 2003 Touristen aus der Bundesrepublik verschleppt. Die Bundesregierung lehnte Lösegeldzahlungen ab, die Gefangenen kamen erst nach zähen Verhandlungen frei, in Algerien starb eine Geisel an Erschöpfung.

Auf den Philippinen, wo die deutsche Familie Wallert unter den Geiseln war, zahlte das um bessere Reputation bemühte Lybien viele Millionen Dollar an die Entführer, die zu einer muslimischen Extremistengruppe gehörten.

Vor der Freilassung der Sahara-Geiseln schloss die Regierung von Mali einen Deal mit den Tätern und wurde aus Berlin mit großzügigerer Entwicklungshilfe bedacht. "Wir vergessen unsere Freunde nicht", sagte der ehemalige Außenamts-Staatsminister Ludger Volmer von den Grünen im Deutschlandfunk - um hinzuzufügen: "Die Bundesregierung zahlt kein Lösegeld. Und wenn sie es tun würde, würde sie es nie zugeben."

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(SZ vom 1.12.2005)