Entführte Mädchen in Nigeria Verkauft für neun Euro

Die Terrorgruppe Boko Haram soll mehr als 200 in Nigeria entführte Mädchen über die Grenzen der Nachbarländer verschleppt und zwangsverheiratet haben. Die Eltern der Schülerinnen sind verzweifelt.

  • Berichte über Zwangsverheiratung: Die in Nigeria verschleppten Schülerinnen wurden laut der Zeitung Daily Trust und der BBC mit Islamisten zwangsverheiratet.
  • Rettungsbemühungen: Ermittler waren den Entführern offenbar auf der Spur. Diese haben sich in Nachbarstaaten Nigerias abgesetzt.
  • Die mutmaßlichen Täter: Medienberichten zufolge steckt Boko Haram hinter den Taten, eine radikalislamistische Miliz. Ihr Einfluss in Nigeria werde immer größer, warnen Experten. Sie wird auch für einen Bombenanschlag am Montag verantwortlich gemacht.

Aktuelle Entwicklung

Zwei Wochen nach ihrer Entführung im Ort Chibok im Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias sind die verschleppten Schülerinnen offenbar mit Islamisten zwangsverheiratet worden. Als sogenannten "Brautpreis" hätten die Männer 2000 nigerianische Naira (neun Euro) pro Mädchen bezahlt, hieß es in örtlichen Medienberichten. Ein Anführer der örtlichen nigerianischen Dorfgemeinschaft sagte der Zeitung Daily Trust, seinen Informationen zufolge seien die Mädchen nach der Hochzeitszeremonie in die Nachbarländer Kamerun und Tschad verschleppt worden: "Die Kidnapper haben sie in Kanus über den Tschadsee ins Ausland gebracht", so Pogo Bitrus, den auch die BBC zitiert. Ein solches Vorgehen sei "eine mittelalterliche Form der Sklaverei", sagte Bitrus.

Suchtrupps der Armee waren den Tätern wohl auf der Spur, weshalb diese die Entführten in neue Verstecke brachten. Die Opfer waren zunächst in den dichten Sambisa-Wald gebracht worden. Der Wald grenzt an Kamerun und den Tschad. Die Webseite Naij.com hatte am Montag berichtet, die Schülerinnen seien von Zeugen in einem Buskonvoi gesehen worden.

Details der Entführung

In der Nacht zum 14. April hatten mutmaßliche Mitglieder der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram die weiterführende Schule überfallen. Die Angreifer fuhren mit einem Lastwagen vor und zwangen die Schülerinnen, die in einem Haus auf dem Schulgelände untergebracht waren, mit ihnen zu kommen. Nach Angaben der Polizei von Borno gelang es einigen Mädchen, rechtzeitig zu fliehen. Gemeindeanführer Bitrus erklärte gegenüber der BBC, dass 43 der verschleppten Mädchen fliehen konnten, 230 seien allerdings noch in Gefangenschaft. Diese Zahlen unterscheiden sich deutlich von den bisher bekannten. Bislang war man davon ausgegangen, dass von insgesamt 250 Schülerinnen 103 verschleppt worden sind.

Die mutmaßlichen Täter

Es gilt mittlerweile als gesichert, dass die Terrorgruppe Boko Haram für die Entführung verantwortlich ist. Sie lehnt jede Form der aneblich unislamischer Bildung ab ("Boko Haram" kann übersetzt werden mit "Westliche Bildung ist Sünde") und kämpft für die Errichtung eines islamistischen Staates im Norden Nigerias. Boko Haram wird mit dem Terrornetzwerk al-Qaida in Verbindung gebracht. Die USA erklärten die Miliz 2013 offiziell zur Terrororganisation. Die 2002 gegründete Terrorgruppe soll für Tausende Tote verantwortlich sein.

Experten warnen vor dem wachsenden Einfluss der Miliz: "Boko Haram agiert zunehmend kriegerisch", schreibt der Thinktank World Policy Institute in New York. "Sie war bislang vor allem in nördlichen Regionen tätig. Jetzt greift sie auch bevölkerungsreichere Gegenden an." Der Norden Nigerias ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt und gilt als Machtbasis von Boko Haram. Junge Frauen werden von den Terroristen häufig als Sexsklavinnen missbraucht.

Präsident Goodluck Jonathan (Mitte, mit schwarzem Hut) nach dem Bombenanschlag in Abuja

(Foto: AFP)

Wie die Regierung agiert

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan verspricht seit langem einen Sieg über die Terroristen, deren Einfluss er für begrenzt hält: "Das Problem Boko Haram ist temporär", sagte er, nachdem die Entführung der Schülerinnen bekannt geworden war. "Die Regierung tut alles, was in ihrer Macht steht, um Fortschritte in unserem Land zu machen. Wir werden darüber hinwegkommen."

Eine Woche später gab die nationale Sicherheitskonferenz in der Hauptstadt Abuja eine Erklärung ab, in der es hieß, dass nun das Militär "alles tun" solle, um die Mädchen zu retten. Die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz - Staatspräsident, Gouverneure und religiöse Vertreter - betonten, die Rettung der entführten Schülerinnen habe oberste Priorität.

Vor allem im Bundesstaat Borno halten viele Menschen diesen Schritt allerdings für zu spät. Sie werfen der Regierung vor, die Gefahr herunterzuspielen und im Kampf gegen den Terrorismus zu versagen. Die verzweifelten Eltern der Schülerinnen hatten eine Woche nach der Entführung sogar angekündigt, sich selbst auf die Suche nach ihren Töchtern machen zu wollen. "Wir sind bereit, selbst in den Busch zu gehen und die Boko Haram dazu aufzurufen, uns unsere Kinder zurückzugeben", sagte die Anführerin einer örtlichen Frauenvereinigung.

Am Wochenende waren dann bei Kämpfen 40 Anhänger Boko Harams sowie vier Soldaten ums Leben gekommen. Das erklärte ein Sprecher des nigerianischen Verteidigungsministeriums. Zuvor waren mehrere Boko-Haram-Anführer festgenommen worden. Einwohner der betroffenen Region nahe der Ortschaft Bulanbuli im nordöstlichen Bundesstaat Borno berichteten von Dutzenden Explosionen. Bulanbuli liegt in der Gegend, in der die Schülerinnen festgehalten wurden.

Pogo Bitrus sagt, er weine als Anführer der Gemeinde, um die Welt zu alarmieren, sie darüber zu informieren, was in Nigeria gerade passiert. Das Ziel müsse sein, "dass die Regierung den Druck verspüre, der dazu nötig ist, damit die Regierung handelt und die Freilassung der Mädchen sicherstellt".

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Mit Material von dpa und AFP