Im Alpenland wird heftig über die Zukunft der Energieversorgung gestritten: Nach Warnungen vor Engpässen erwägt die Regierung jetzt ernsthaft, neue Atomkraftwerke zu bauen.
Der Stromkonzern Axpo reagierte schnell. Er hatte ein wenig provozieren wollen mit dem Kinospot, in dem sich der populäre Trainer der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft, Köbi Kuhn, über die Sonnenscheinabhängigkeit der Solartechnik lustig machte. Doch nach heftigen Beschwerden, auch von Energieminister Moritz Leuenberger, zog das Unternehmen den Werbefilm am Wochenende zurück.
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Atomkraftwerke in der Schweiz (© Grafik: Braun)
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Die Schweizer diskutieren gerade intensiv über die Zukunft ihrer Energieversorgung, und da mag mancher nicht lachen über die Späße der Stromlobby. Die hat es nämlich geschafft, dass die Regierung auf einmal wieder ernsthaft den Bau neuer Atomkraftwerke erwägt.
Zum letzten Mal hatte sie das 1988 getan, zwei Jahre nach Tschernobyl, als Umweltschützer und der konservative Politiker Christoph Blocher den Bau eines Kernkraftwerks in Kaiseraugst verhinderten. 2003 lehnten die Bürger eine Volksinitiative zum schnellen Atomausstieg mit relativ deutlicher Mehrheit ab.
Warnungen vor der "Stromlücke"
Davon ermutigt, setzten die Stromkonzerne kurz darauf das Wort von der "Stromlücke" in die Welt, die um das Jahr 2020 herum drohe. Dann müssen die drei ältesten der fünf Schweizer Kernkraftwerke, Beznau I und II sowie Mühleberg, abgeschaltet werden, zudem laufen Lieferverträge für französischen Atomstrom aus. Nicht zuletzt sei Kernkraft klimafreundlicher, sagen die Konzernchefs.
Grüne und Sozialdemokraten halten die Warnung vor dem Versorgungsengpass für übertrieben, sie propagieren Stromsparen und erneuerbare Energien. Mit ihrem Alarmismus wollten die Konzerne nur den Boden für den Bau neuer Atomkraftwerke bereiten, sagt der sozialdemokratische Parteivorsitzende Hans-Jürg Fehr.
Bürgerliche Politiker hingegen, die oft in den Aufsichtsräten der Stromwirtschaft mitreden, haben deren Argumente übernommen. "Es gibt in der Schweiz auf absehbare Zeit keine Alternative zur Kernenergie", sagt Ueli Maurer, Vorsitzender der Schweizerischen Volkspartei. Und weil die Bürgerlichen fünf der sieben Minister im regierenden Bundesrat stellen, ist Maurers Ansicht nun offizielle Energiepolitik der immerwährenden Großen Koalition in Bern.
So sah sich der Sozialdemokrat Leuenberger, der den Ausbau der Atomkraft höchstens als "Option" für das Jahr 2030 ansieht, plötzlich gezwungen, von der "Notwendigkeit" neuer Reaktoren zu sprechen. Weil deren Bau lange dauert, soll die "Stromlücke" übergangsweise mit vermutlich vier neuen großen Gaskraftwerken geschlossen werden.
Deren hohen CO2-Ausstoß will die Regierung unter anderem mit dem Kauf von Klimazertifikaten kompensieren. Gleichzeitig soll Energie aus Wind, Sonne, Holz und Biogas stärker gefördert sowie die Wasserkraft ausgebaut werden, die schon jetzt 60 Prozent des Schweizer Stroms liefert (der Rest kommt aus der Kernspaltung). Auch in den Bereichen Verkehr und Heizung, die weit mehr Energie kosten als die Elektrizität, will man den Verbrauch drücken, etwa durch neue Standards für Gebäude.
Die Stromkonzerne verstehen die Äußerungen der Regierung als Startschuss zum Bau von mindestens zwei Atomanlagen. Besonders gefällt ihnen, dass Leuenberger die Verfahrensdauer von der Planung bis zur Inbetriebnahme eines Meilers deutlich verkürzen möchte. Bisher wird sie auf 18 bis 25 Jahre geschätzt, doch Giovanni Leonardi, Chef des größten Schweizer Stromkonzerns Atel, hält inzwischen zehn bis 15 Jahre für möglich.
Er will noch dieses Jahr ein Konsortium bilden. Auch die Lokalpolitiker rangeln schon um die Startposition. Die besten Chancen werden den bestehenden Standorten Beznau im Kanton Aargau und Gösgen in Solothurn gegeben. Die Akzeptanz bei den Bürgern dort ist hoch, nicht zuletzt wegen der Arbeitsplätze.
Sollte sich die Schweiz tatsächlich zum Bau neuer Kernkraftwerke entschließen, würde dies in der europäischen Atomdebatte aufmerksam registriert. Sie ist noch nicht entschieden. Ausstiegsländern wie Deutschland und Belgien stehen Finnland, Großbritannien und Frankreich gegenüber, die im großen Stil neue Anlagen planen. Auch die EU-Kommission favorisiert den Ausbau, um das Klima zu schützen.
Wohin mit dem Müll?
Noch immer ungelöst ist in der Schweiz allerdings, wie in Deutschland, die Frage eines Endlagers. Am liebsten würden die Behörden den radioaktiven Müll im Opalinuston bei Benken vergraben, zehn Kilometer südlich von Schaffhausen.
Das allerdings gefällt den süddeutschen Nachbarn nicht besonders, die sich schon über den 144 Meter hohen Kühlturm des AKW Leibstadt an der deutsch-schweizerischen Grenze und den Fluglärm vom Zürcher Airport aufregen. Immerhin darf Baden-Württemberg bei der Suche mitreden.
Über den endgültigen Standort werden ohnehin die Bürger entscheiden, die auch den Bau neuer Kernkraftwerke stoppen können. Darauf hoffen die linken und grünen Atomkraftgegner. Wie solche Abstimmungen ausgehen können, weiß niemand zu sagen. Die Schweizer haben eine ambivalente Haltung zur Atomkraft. Zwar halten laut Umfragen etwa 70 Prozent das Risiko für zu hoch, aussteigen wollen die meisten aber doch nicht.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 02.03.2007)
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... ist doch was schönes:
"Die Schweizer haben eine ambivalente Haltung zur Atomkraft. Zwar halten laut Umfragen etwa 70 Prozent das Risiko für zu hoch, aussteigen wollen die meisten aber doch nicht."
Naja, die Schweizer werden das schon richtig machen ...