Die Versorgung ist offenbar weniger sicher als bislang behauptet: Allein RWE stuft 28.000 Leitungsmasten als bruchgefährdet ein. Wirtschaftsminister Glos verlangt Aufklärung: "Ich erwarte einen dringenden Bericht."
Die Versorgung mit Strom in Deutschland ist offenkundig nicht in dem Maße gewährleistet, wie von den Energiekonzernen bisher stets behauptet. Das haben die jüngsten Stromausfälle nach dem Wintereinbruch im Münsterland gezeigt.
Umgeknickter Strommast in der Nähe von Münster (© Foto: dpa)
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Das deshalb kritisierte Unternehmen RWE in Essen bestätigte am Wochenende, dass ein Großteil seiner älteren Strommasten bruchgefährdet sei. Die laufende Sanierung soll jedoch erst 2015 abgeschlossen sein. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kündigte als Konsequenz Untersuchungen auch bei den anderen deutschen Energieunternehmen an.
Mehr als hunderttausend Menschen ohne Strom
Bei dem bundesweit folgenreichsten Stromausfall im Münsterland am letzten Novemberwochenende mussten mehr als hunderttausend Menschen bis zu vier Tage in Dunkelheit und Kälte ausharren.
Der Energiekonzern RWE, der für die Stromversorgung der Region zuständig ist, räumte ein, von Mängeln an Leitungsmasten seit Jahren gewusst zu haben. Freileitungen der RWE AG führen nicht nur durch Nordrhein-Westfalen, sondern auch durch Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern.
Nach Angaben von RWE wurden bereits 2001 insgesamt 42.000 Strommasten untersucht und 28.000 als bruchgefährdet eingestuft. Ein Viertel davon, vor allem in der Nähe von Verkehrsstraßen und Wohnhäusern, sei erneuert worden, sagte Vorstandsmitglied Werner Roos.
Die Sanierung soll in zehn Jahren abgeschlossen sein und 550 Millionen Euro kosten. Bruchgefährdet sind vor allem ältere Strommasten, die bis 1967 aus Thomas-Stahl errichtet wurden.
Laborversuche hätten gezeigt, dass sich die Festigkeit dieses Materials im Vergleich zu den rechnerisch ermittelten Werten auf bis zu 60 Prozent reduzieren könne, erklärte RWE.
Haftungsfrage ungeklärt
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wies darauf hin, dass die Konzerne verpflichtet seien, die Sicherheit ihrer Hochspannungsnetze zu gewährleisten.
"Ich erwarte einen dringenden Bericht über den Zustand der Netze. Die Bundesnetzagentur wird prüfen, ob RWE im Münsterland ausreichend in die Netze investiert hat", sagte Glos am Sonntag der Süddeutschen Zeitung. Er erwarte, dass die Energieunternehmen auch künftig eine sichere Stromversorgung gewährleisteten.
Das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium erwartet an diesem Montag einen Bericht von RWE über Art und Umfang der Investitionen in die Netze während der vergangenen zehn Jahre.
Ferner soll das Unternehmen über Alter und Zustand der Masten im westlichen Münsterland informieren. Von der Klärung dieser Punkte hängt auch ab, ob RWE für Schäden haftbar gemacht werden kann, die durch den Stromausfall entstanden sind.
"Höhere Gewalt"
Bisher hat der Konzern alle Ansprüche mit der Begründung abgelehnt, bei dem Wintereinbruch habe es sich um höhere Gewalt gehandelt. Für Bürger, die Schäden erlitten haben, stellte das Unternehmen fünf Millionen Euro zur Verfügung. Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten jedoch auf mehr als 100 Millionen Euro.
Die Bundesnetzagentur will klären, ob auch andere Energiekonzerne Probleme mit bruchgefährdeten Masten haben. Nach SZ-Informationen überprüft Eon bereits ältere Netzanlagen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.
"Mängel werden umgehend beseitig"
Ein spezielles Sanierungsprogramm für die insgesamt 52000 Strommasten soll es aber nicht geben. Beim Energieversorger EnBW hieß es, man kontrolliere die Masten laufend. Mängel würden umgehend beseitigt.
Beim Stromerzeuger Vattenfall Europe, der in den neuen Bundesländern das komplette 380-KV-Hochspannungsnetz betreibt, schließt man ein Bruchrisiko durch Thomas-Stahl aus.
Das 6300 Kilometer lange Netz sei nach der Wende für 1,2 Milliarden Euro neu gebaut oder saniert worden, sagte eine Sprecherin. Auch bei den aus DDR-Zeiten stammenden Masten für die alten 220-KV-Leitungen sei keine Versprödung des Stahls festgestellt worden.
Verbraucherschützer wiesen darauf hin, dass die Konzerne hohe Strompreise in der Vergangenheit auch mit der guten Versorgungssicherheit in Deutschland begründet hätten.
Die neuen Erkenntnisse nährten nun den Verdacht, dass die hohen Renditen nicht für die Sicherheit der Netze verwendet wurden, sondern in andere Unternehmensteile geflossen seien, sagen sie.
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(SZ vom 5.12.2005)
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