Endlagersuche Stunde des Ungehorsams

Der Tag nach dem Endlagerkonsens sieht so aus: Die Kanzlerin ist beglückt, Experten gratulieren. Doch die Betroffenen formieren sich zum Widerstand. Und auch die Atomindustrie stellt sich quer.

Von Michael Bauchmüller und Christopher Schrader, Berlin

In Philippsburg laufen schon die Vorbereitungen - für den Proteststurm. "Wir werden von hier aus generalstabsmäßig die Demonstrationen vorbereiten", sagt Bürgermeister Stefan Martus, ein CDU-Mann. "Das Wendland wird nichts dagegen sein." Schließlich habe die Stadt nahe Karlsruhe schon mit ihrem Kernkraftwerk samt Zwischenlager genug Last zu tragen. Aber noch fünf zusätzliche Castoren aus La Hague? "Irgendwann ist Schluss", sagt Martus.

So scheiden sich die Geister am Tag nach dem Endlagerkonsens: die Kanzlerin ist beglückt, Experten gratulieren. Doch die direkt Betroffenen sind unzufrieden. Weil keine Castor-Transporte mehr in das Zwischenlager Gorleben rollen sollen, müssen nun andere Standorte her. Philippsburg in Baden-Württemberg zählt zu den Favoriten, auch Schleswig-Holstein hat sich bereit erklärt. "Aber die beiden Länder können die Last nicht alleine tragen", sagt der Kieler Umweltminister Robert Habeck (Grüne).

Eine Entscheidung hatte die Ministerrunde am Dienstag vertagt; kein weiteres Land hatte sich gemeldet. Bis Juli soll nun klar sein, wo sich die insgesamt 26 noch erwarteten Atommüll-Behälter unterbringen lassen. Infrage kommen dafür nur Zwischenlager bei Atomkraftwerken. Doch eine Genehmigung für die Lagerung dieser Castoren hat keins.

Bezahlen soll die Suche die Atomwirtschaft - doch die ziert sich

Derweil bahnt sich ein Streit auch über die Kosten der Endlagersuche an. Der Gesetzentwurf, der in den nächsten Wochen in den Bundestag eingebracht werden soll, taxiert sie auf insgesamt zwei Milliarden Euro. Angesichts von 1,6 Milliarden Euro, die bislang schon in die Erkundung des Salzstocks Gorleben flossen, dürfte das eine sehr vorsichtige Schätzung sein. Bezahlen soll die Suche die Atomwirtschaft, doch die ziert sich. "Vor einer abschließenden Bewertung zur Eignung Gorlebens", so ließen die Akw-Betreiber wissen, gebe es für die Finanzierung alternativer Standorterkundungen "nach unserer rechtlichen Auffassung keine Grundlage".

Allerdings hatten Bund und Länder just am Dienstag noch einmal unterstrichen, dass die Suche nach einem Atom-Endlager von den Verursachern des Mülls zu zahlen ist. Im Zuge der weiteren Beratungen sollten entsprechende Abschnitte des Gesetzes noch deutlicher formuliert werden, kündigte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) an. "Die Kosten für die Suche und den Bau des Endlagers sind von den Betreibern zu tragen." Darin bestehe "breiter Konsens".