Das Kanzleramt wird nervös: Die SPD zwingt Angela Merkel in eine neue Endlager-Debatte - und hat damit endlich ein Wahlkampfthema. Die Union steckt ernsthaft in der Klemme.
Die Anti-Atom-Maschine läuft wie ein Uhrwerk. Hunderte Traktoren sind inzwischen von ihrer Berliner Großdemo wieder ins Wendland zurückgekehrt, jetzt übernimmt Greenpeace.
Bild vergrößern
Anti-Atom-Demonstranten in Berlin vor einem Wahlkampfplakat der CDU: Die SPD zwingt Kanzlerin Merkel in eine neue Endlager-Debatte. (© Foto: Getty)
Anzeige
"Gorleben stoppen" projizierten sie in der Nacht zu Donnerstag auf den Förderturm des Erkundungsbergwerks. Und in Berlin registriert ein zunehmend nervöses Kanzleramt, dass das Thema Endlagerung ungeahnte Eigendynamik gewinnt.
Schon jetzt verdrängt es mühelos andere wichtige Themen von der Agenda. Die Wahl zwischen Schwarzen und Roten ist nicht mehr vorrangig die zwischen Mindestlohn ja oder nein, zwischen der Einführung neuer Steuern oder der Senkung alter. Sondern zur Wahl für oder gegen die Kernkraft, zwischen Gorleben oder anderswo. Das riecht nach Richtungswahl.
Mehr als 26 Jahre alte Dokumente machen es möglich. Sie sagen nichts über die Eignung Gorlebens; viele der Zweifel von damals erledigten sich in den Jahren darauf mit der bergmännischen Erkundung des Salzstocks. Aber sie sprechen Bände über die politischen Prozesse, die zu der Entscheidung für Gorleben führten.
Das allein ist starker Tobak - und feinster Wahlkampf-Stoff. Die SPD, allen voran ihr Umweltminister Sigmar Gabriel, sieht sich in allen Zweifeln am Projekt Gorleben bestätigt. Dass der Niedersachse Gabriel, dessen Bundestagsmandat am Endlager-Wahlkreis Salzgitter hängt, nebenbei das wichtigste deutsche Endlager aus Niedersachsen bugsieren will, verleiht der Sache noch zusätzliche Finesse. Die Interessen des Umweltministers sind durchschaubar wie Glas.
Die Union aber steckt nun ernsthaft in der Klemme. Seit Jahren hält sie daran fest, dass nichts gegen die Eignung Gorlebens spreche; so auch jetzt. Nur: Im Wahlkampf wiegen Zweifel schwerer als reine Zuversicht. Und die Zweifel gegen Gorleben gründen tief, in einem von Anfang an verkorksten Verfahren. Schwer vorstellbar, dass sich die Vorbehalte und Ängste irgendwann noch heilen lassen.
Merkel kann nicht vor und nicht zurück. Die Union mag noch so oft beteuern, dass bislang keine triftigen geologischen Gründe gegen Gorleben sprechen - sie wird Zweifler damit nicht überzeugen. Sie kann noch so oft zusagen, dass es bei der weiteren Erkundung des Salzstocks, die eine endgültige Aussage über die Eignung ja erst bringen muss, völlig ergebnisoffen zugehen werde - es glaubt ihr keiner. Dazu haben sich die Spitzen der Partei zu oft zu klar für Gorleben ausgesprochen; dafür sind schon zu viele Ergebnisse vorweggenommen.
Genauso schlecht aber kann Merkel einlenken. Sie könnte sich kurz vor der Wahl den Zweiflern beugen, sie könnte ein ganz neues Suchverfahren zulassen, das neben Gorleben auch andere Standorte überprüfen würde. Das wäre nicht nur eine Niederlage für die Kanzlerin - es wäre auch Brandstiftung im eigenen Haus. Denn eine neue Suche würde einen mühsam gezimmerten Frieden zerstören: den mit den unionsgeführten Ländern Baden-Württemberg und Bayern.
Beide Länder pochen zwar besonders energisch auf die Nutzung der Kernkraft, weil sich Kohle nur teuer in den Süden schaffen lässt. Von einer Endlagerung der atomaren Abfälle aber wollen sie nichts wissen, sie verträgt sich allzu schlecht mit manchem touristischen Konzept. Nach Alternativen zu Gorleben allerdings müsste der Bund zwangsläufig im Süden suchen. In den Granitformationen des bayrischen Waldes etwa. Oder im Opalinuston des südlichen Baden-Württemberg. Die Schweizer gleich jenseits der Grenze fassen ihn ebenfalls für ein Endlager ins Auge, wenn auch sehr zum Ärger der Gemeinderäte diesseits.
Die Sozialdemokraten aber, derzeit nicht gerade vom Glück verfolgt, haben nun erstmals eine brauchbare Kontroverse. Gut möglich, dass dieser Wahlkampf damit einer der teuersten in der deutschen Geschichte wird, mit dem 1,5 Milliarden Euro schweren Kollateralschaden Gorleben. Es wäre nicht schade darum.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundestagswahlkampf RSS
- Endlager-Debatte Streit über Gorleben wird schärfer 10.09.2009
- Streit um Endlager Gorleben Kanzleramt weist Vorwürfe zurück 10.09.2009
- Gabriel zu Gorleben-Gutachten "Handfester Skandal" 09.09.2009
- Atomendlager Gorleben Kohls Minister schönten Gutachten 08.09.2009
- Atomendlager: Streit um Gorleben Merkel kritisiert Gabriel 03.09.2009
- Interview: Ude zur Wahl "Bei Merkel wird es ähnlich wie bei Bush" 24.09.2009
- NRW: Videoüberwachung Rüttgers-Vertrauter steuerte Beobachtung der SPD 23.09.2009
(SZ vom 11.09.2009)
Protest gegen dritte Startbahn
und auch generell ja eine veraltete Konzeption inzwischen.
Aller Müll muß überwacht werden können heute und die Anforderungen dazu sind nicht statisch, wie auch alle anderen Müllprobleme es zeigen, die sich ja auch geändert haben in den letzten Jahrzehnten, das ist aber auch bei Gewerbemüll, Chemiemüll, Biomüll, Giftmüll, Industriemüll, Sondermüll, Medizinmüll, Siedlungsmüll usw. und allem Zivilisationsmüll so.
Das alte Konzept, man kann nach einer Ablagerung von Müll irgendwohin das Ganze dann einfach vergessen, das aber ist inzwischen überall ja überholt.
Wichtig ist die Kontrolle, und das bringt dann die Sicherheit, neben einer passenden Örtlichkeit dann aber auch noch für jede Müllart.
Auch vom Biomüll aus den Grünen Tonnen und dem Müll aus den Gelben Säcken gehen doch Gefahren aus wie so viele Schimmelpilze und Sporen, Emissionen vieler Arten, wer das noch nicht weiß von den Grünen, der soll sich mal an eine der Sortieranlagen dafür stellen für sein ganzes Leben lang.
Irgendwo aber muß auch noch eine Bezahlbarkeit all dessen ja auch noch da sein. In Deutschland feiern Müll-Exzesse aber gerne fröhliche Urstände, wenn man größere Zusammenhänge nicht kennt und jeden Joghurtbecher dann auch noch in die Spülmaschine stecken möchte.
Nicht einmal ökologisch sinnvoll, nur hektischer und ebenfalls unüberlegter Aktionismus für das eigene Klientel zu deren Beruhigung, oder zu Wahlkrampfzeiten dann, wenn wieder einmal eine Sau durchs Dorf getrieben werden muß zur Mobilisierung und Motivierung des eigenen Klientels, die dann auch mit Treckern und anderen Stinkern zusammen noch viel Diesel verbraten.
selbstaendig
War es Söder oder Seehofer, aber einer von beiden hat dann auch noch mal schön auf den Punkt gebracht, worum es den Christen-Politikern geht: "Wir im Süden wollen AKWs 10 Jahre länger laufen lassen, aber den den strahlenden Müll soll doch bitte die Nordlichter nehmen".
Und wenn dann Gorleben genau so absäuft wie "die Asse", dann läuft das versuchte Grundwasser immer in Richtung Norden und trifft Braunschweig, Hannover und Hamburg. München und Stuttgart können dann aus der Ferne schlaue Vorschläge machen und darauf verweisen, dass solche unverantwortlichen Schlampereien" in den sauberen Südstaaten undenkbar wären ..
Als Mensch, der schon in sehr vielen Regionen Deutschlands gelebt hat ist die Arroganz und der Egoismus ja dieses regelrecht asoziale Benehmen der bayrischen Christen-Partei schlicht unerträglich.
F. Mayer
Kann es sein, dass auch der eine oder andere Umweltminister, der seit 1983 seinen Dienst tat und selbstverständlich Frau Merkel, die dieses schöne Amt ab etwa 1994 innehatte, in Erklärungsnot geraten? Es ist schwer vorstellbar, dass die alle von den Manipulationen nichts gewusst haben. Aber der Autor hat völlig recht: Die Kernenergie-Befürworter können behaupten und garantieren was immer sie wollen, kein Mensch wird ihnen glauben. Umso bemerkenswerter ist es, dass gewisse Personen in der Union ( z.B. Frau Reiche, Physikerin) tapfer von weiteren " Erkundigungen" schwafeln. Jedenfalls muss eine lückenlose Aufklärung her, damit alle Vorgänge, inclusive etwaiger Korruption, aufgeklärt werden. Man braucht nicht besonders darauf hinzuweisen, dass die Bürger bei anderen Gutachten dann ein gesundes Misstrauen hegen werden!
Die eigentliche Frage lautet doch: Wer in Deutschland will in seiner Nachbarschaft ein Kernkraftwerk, bzw. ein Atommüll-Endlager?
Die Wiedervereinigung ist doch das Problem an Gorleben. War es doch immer ein ungeliebter Streifen Zonenrandgebiet, wo man gerne den Mist aus den AKW's hingekippt hätte. Konnte ja keine wissen, dass das mal mitten im wiedervereinigten Deutschland liegen würde und die Menschen von beiden Seiten nach dem Schutz der Deutsche Politk schreien würden.
Paging