Ein Kommentar von Thorsten Denkler

Der Fackellauf war bis jetzt noch der ehrlichste Teil von Olympia in Peking. Denn dabei konnte noch offen gegen Chinas Menschenrechtspolitik protestiert werden.

Dass aus der "Reise der Harmonie" nichts werden würde, ist schon am ersten Tag klar. Am 24. März wird im heiligen Hain von Olympia die olympische Fackel allein mit der Kraft der Sonne entzündet - begleitet von Protesten. Verfechter der Freiheitsrechte Tibets stören die Zeremonie. Kein schöner Auftakt. Sieben Tage später ist die Flamme in Peking. Dort fällt der offizielle Startschuss für den längsten Fackellauf, den es je in der olympische Geschichte gegeben hat.

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Bilder vom Fackellauf, die die chinesische Führung ungern gesehen hat. (© Foto: dpa)

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Zwei Dinge machen damals stutzig. Die chinesische Staatsführung hat sich ausgerechnet den Platz den Himmlischen Friedens für die Zeremonie ausgesucht, jenen Ort des Massakers von 1989 also, bei dem das chinesische Militär bis zu 3000 friedliche Protestanten tötete. Die andere Sache, die stutzig machte, war, dass die Zeremonie nicht live zu sehen war. Um mögliche Zwischenfälle herausschneiden zu können, wurde sie nur zeitversetzt übertragen. Zwei Botschaften waren das: 1. Die chinesische Führung pfeift auf Political Correctness gegenüber der westlichen Welt. 2. Sie wird nichts dem Zufall überlassen.

Die chinesische Führung betrachtet die Spiele 2008 in Peking als ihr Eigentum. Sie macht die Regeln: Im Pressezentrum werden kritische Internetseiten gesperrt. Die Sportler dürfen sich politisch nicht äußern. Selbst Blogs oder Tagebücher für Zeitungen sind ihnen untersagt. Demonstrationen sind landesweit verboten. Kritische Stimmen werden weggesperrt.

Die 130 Tage Fackellauf aber haben gezeigt: So global die olympische Idee ist, so global sind die Proteste. Ob in London, Paris oder San Fransisco, überall wurden die Fackelläufer von Tibet-Demonstranten begleitet. In Paris musste der Lauf abgebrochen werden, weil es den Demonstranten mehrfach gelang, die Flamme zu löschen. So verstörend die Bilder gewesen sein mochten, so waren sie doch die bisher ehrlichsten.

Seit die Flamme aber zurück auf chinesischem Boden ist, gibt es keine solchen Zwischenfälle mehr. Das hat einen einfachen Grund: Dort, wo es zu Protesten kommen könnte, wird die Öffentlichkeit schlicht ausgeschlossen. Höhepunkt dieser Farce war der Lauf durch die tibetische Hauptstadt Lhasa. Die Bürger der Stadt wurden angewiesen, sich den Lauf am Fernseher anzuschauen. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften begleitete die Fackel durch ansonsten menschenleere Straßen. Kaum ein Tibeter, der das nicht als Provokation auffassen musste.

Die chinesische Führung fordert beinahe täglich, die Spiele nicht zu politisieren. Doch sie selbst hat zur Politisierung am meisten beigetragen. Statt souverän mit Protesten umzugehen, sie etwa kontrolliert zuzulassen, wird der Knüppel herausgeholt. Die schlechte Presse stört die Verantwortlichen dabei wenig. Die Spiele in Peking sind vor allem Spiele für die Chinesen. Die große Begeisterung des chinesischen Volkes soll helfen, das System zu stabilisieren.

Was wer außerhalb Chinas denkt, sagt oder schreibt, stört die Führung nicht weiter. Wirtschaftlich kommt an China ohnehin kaum ein Land der Erde mehr vorbei. Und nach innen ist die Zensur nahezu perfekt organisiert. Entweder die nicht genehmen Bilder erreichen die Menschen erst gar nicht, oder sie werden im Sinne der Partei umgedeutet.

Alle Hoffnungen, China werde seine Menschenrechtspolitik für die Olympischen Spiele überdenken, dürften mit dem Fackellauf verflogen sein. Doch nicht der Fackellauf ist das Problem der Spiele.

Das Problem ist, dass es bei der Vergabe Olympischer Spiele fast ausschließlich um Macht und Geld geht. Solange die Menschen dennoch den Fernseher einschalten, wird das auch so bleiben. Der olympische Geist lässt sich so nicht mehr wecken. Das könnte er auch gar nicht. Er ist längst tot. Nur mit diesem Wissen lassen sich die Freitag beginnenden Olympischen Spiele verkraften.

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(sueddeutsche.de/jja)