Empörung über Zitat von Kölner Kardinal Meisners Bild vom Menschen

Unter Kardinal Meisners verblasenem Satz von der "entarteten Kunst" kann sich jeder etwas anderes vorstellen, eindeutig sind bloß die Assoziationen, die das Vokabular erweckt - es verweist auf den nationalsozialistischen und klerikalfaschistischen Feldzug gegen die Moderne zwischen 1933 und den fünfziger Jahren.

Ein Kommentar von Gustav Seibt

Kardinal Joachim Meisner, der Kölner Erzbischof, hat erst vor kurzem Aufsehen erregt, als er das neue Domfenster des Malers Gerhard Richter tadelte.

Das figurenlose Farb- und Lichtkunstwerk könne genauso gut einem jüdischen Betraum oder einer Moschee dienen, meint Meisner.

Nun legt er nach und wird normativ: "Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte." Unter einem so verblasenen Satz kann sich jeder etwas anderes vorstellen, eindeutig sind bloß die Assoziationen, die das Vokabular erweckt.

Die "Entartung" und die "verlorene Mitte" verweisen auf den nationalsozialistischen und klerikalfaschistischen Feldzug gegen die Moderne zwischen 1933 und den fünfziger Jahren. Wobei man Meisner womöglich intellektuell zu viel zutraut, wenn man ihm Vertrautheit mit Hans Sedlmayrs reaktionärem, aber geistvollem Pamphlet von 1948 gegen den "Verlust der Mitte" unterstellt.

Wie Meisner die Kunst gerne hätte, sagt er dann so: Die schönsten Menschenbilder Europas seien Bilder von Christus, Maria und den Heiligen. Hier leuchte etwas auf von dem innersten Wesen des Menschen. "Der Mensch ist nie nur profan, er ist auch immer sakral."

Deshalb gehöre es zur Sachlichkeit des Künstlers, diese Menschenwirklichkeit in ihrer ganzen Breite und Tiefe zur Kenntnis zu nehmen. Mag ja sein, dass der delphische Wagenlenker oder Picassos Porträts zu wenig vom "Wesen des Menschen" zeigen.

Dass sie allem überlegen sind, was an zeitgenössischer christlicher Kunst in Kirchen und Museen herumschimmelt, steht jedoch für jeden fest, dem der liebe Gott Augen gab zu sehen.