Empörung über Wolfgang Schäuble Hochmut kommt vor dem Fall

Die Diskussion über Wolfgang Schäubles Hochmut ist berechtigt, aber unerbittlich. Der Finanzminister, der seinen Sprecher öffentlich demütigte, braucht dringend einen Rettungsschirm - er muss ihn aber selber aufspannen.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die Diskussion über Wolfgang Schäubles unerbittlichen Hochmut ist berechtigt, aber unerbittlich. Sie ist fast noch heftiger, als es einst die Diskussion über den Rettungsschirm für den Euro war. Die Empörung über den Bundesfinanzminister, der seinen Sprecher öffentlich gedemütigt hat, ist so groß, dass Schäuble heute selbst einen solchen Rettungsschirm brauchen könnte. Dieser Schirm für Schäuble kostet kein Geld und keinen gewaltigen parlamentarischen und haushalterischen Aufwand; er kostet nur eine Entschuldigung.

Dafür ist es auch nach einer Woche nicht zu spät; eine Entschuldigung wäre nicht nur eine Geste des Anstandes, sondern auch der politischen Klugheit. Denn Schäubles Unvermögen, mit seinem engsten Mitarbeiter anständig umzugehen, wird ihm mittlerweile von vielen als Indiz für seine Amtsunfähigkeit ausgelegt. Das ist zwar Unsinn, aber trotzdem für Schäuble gefährlich. Er unterschätzt die Wirkung, welche die Videoclips im Internet über seinen peinlichen Auftritt haben: Sie können seine Reputation kaputtmachen.

Man kann die Kritik an Schäuble, die nun seit fast einer Woche anhält, für völlig überzogen halten. Natürlich hat der Minister sich unmöglich verhalten. Aber das macht aus einem Politiker, der immer hart zu sich selbst und zu anderen war, nicht über Nacht einen unmöglichen Politiker. Schäuble ist der längstgediente Abgeordnete im Bundestag, seine Lebensleistung ist respektabel, ja bewundernswert. Es stimmt: Schäuble kann sehr unwirsch sein; er war es bisweilen auch vor seinem peinlichen Auftritt. Aber selbst ein immerzu unwirscher Politiker (der Schäuble nicht ist) ist nicht per se ein schlechter Politiker.

Ein schlechter Politiker ist einer, dessen Selbstgerechtigkeit unerschütterlich ist, einer, der Fehler nicht zugeben mag - ob er ihn nun für einen kleinen oder einen großen hält. Die Kritik an Schäuble ist überzogen und trotzdem verständlich. Sie ist deswegen verständlich, weil bei Schäubles Auftritt (im Gegensatz zum Euro-Rettungsschirm oder zur Reform der Gemeindefinanzverfassung) jeder mitreden kann.

Die Beurteilung einer Steuerreform ist schwierig; die Beurteilung der Szenen vor der Pressekonferenz ist einfach. Die große Skandalisierung eines kleinen Skandals ist also auch ein Ausdruck von Komplexitätsreduktion: Weil viele Bürger von der Beurteilung komplexer Gesetze und Projekte überfordert sind, halten sie sich an die Glaubwürdigkeit und den Anstand eines Politikers und an das, was sie dafür halten und davon mitbekommen. Und wenn sich einer so verhält wie Schäuble, gilt er als unglaubwürdig - und diese Unglaubwürdigkeit kann schnell seine Politik infizieren. Zur Verantwortung eines Politikers gehört es, Fehler bei sich zu suchen und nicht nur bei anderen. Und zu den besten Gaben eines Politikers gehört es, Vertrauen zu stiften. Auch eine Entschuldigung kann Vertrauen stiften.

Der Alleskönner

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