Wenn die Kinder ins extreme Milieu abgleiten, geraten viele Familien in einen Strudel von Schuldgefühlen und Hilflosigkeit
Andere Mütter haben immer ein paar Fotos ihrer Kinder in der Geldbörse. Anna nicht. Zwar bewahrt sie zu Hause einige Bilder von Martin und Klaus auf - zum Beispiel das niedliche, auf dem der kleine Martin in die Pfütze stolpert.
Solche Fotos trägt man nicht im Geldbeutel (© Foto: dpa)
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Oder die Familienfotos von den Ferien in Spanien und in der Türkei. Doch wenn sie die alten Aufnahmen an ihrer Pinnwand anschaut, wird sie traurig: "Ich denke dann immer: Als sie kleiner waren, waren es doch ganz normale Kinder."
Heute lassen sich Martin und Klaus nur noch von ihren Kameraden fotografieren. Auf den Bildern sieht man dann Glatzköpfe, Hakenkreuze und Reichskriegsflaggen. "Solche Fotos", sagt Anna, "trägt man nicht im Geldbeutel."
Schicksale der Eltern bleiben unsichtbar
Annas Söhne sind Neonazis. Sie sind 19 und 21 Jahre alt und gehören seit mehreren Jahren zur rechten Szene einer bayerischen Stadt. Anna lebt seitdem in einem Strudel aus Schuldgefühl, Hilflosigkeit und einsamen Versuchen, etwas gegen die weitere Radikalisierung der eigenen Kinder zu unternehmen.
Anna ist kein Einzelfall: In Deutschland sind nach Beobachtungen der Verfassungsschützer mehrere tausend Jugendliche ins rechtsextreme Milieu abgedriftet - also muss es mehrere tausend Eltern geben, die dies aus der Nähe erlebt haben.
Doch während sich Sozialarbeiter, Polizisten, Richter und Wissenschaftler mit den jungen Nazis beschäftigen, bleiben die Schicksale der Eltern unsichtbar: Ihre Ängste, ihre Selbstvorwürfe und ihre Scham interessieren in den Beratungsstellen kaum; Mütter und Väter beklagen sich niemals laut, wenn ihr Kind zum rechtsextremen Schläger wird.
Und erst allmählich wächst in Deutschland ein Netz von Selbsthilfegruppen, in denen Eltern wahrnehmen, dass sie mit ihrer Not nicht allein sind.
"Ihr Sohn hat ja lange Haare"
Anna hat sich früh um Hilfe bemüht. Als Martin 14 Jahre alt war und sich das erste Mal mit Skinheads traf, ging sie mit ihm zur Erziehungsberatung.
Das Angebot des Sozialarbeiters: Der Sohn solle Ritalin nehmen, ein bewährtes Mittel für aggressive Kinder. Anna lehnte ab: "Ich will mein Kind nicht mit Drogen ruhig stellen", dachte sie.
Anna wandte sich an einen Psychologen: "Der sagte doch glatt: ,Ihr Sohn hat ja noch lange Haare - so schlimm kann's nicht sein.'" Bald danach hatte Martin eine Glatze.
Keine Hilfe
Seine Mutter wandte sich ans Jugendamt des Landkreises, wo ihr ein Jugendpfleger sagte, er sei nicht für die Probleme der Eltern zuständig.
Anna probierte es noch beim Jugendamt einer nahen Stadt - dort bot der Sozialarbeiter an, mit der Mutter zu den Treffpunkten der rechten Szene zu gehen. "Doch von dem", sagt Anna, "habe ich nie wieder was gehört."
Wenn das eigene Kind zum Neonazi wird, verschieben sich die Koordinaten im Leben der Eltern. Die Lehrerin Petra zum Beispiel hat den Kampf gegen die Gesinnung ihres Sohnes in den Mittelpunkt ihres Alltags gestellt: Mit ungeheurer Energie versucht sie derzeit, sein Leben in den Griff zu bekommen.
Wenn sie am Samstagabend mitkriegt, dass Lukas bei seinen rechtsradikalen Freunden auf einer Party ist, muss der Vater sofort hinfahren und den Sohn "ins Auto laden".
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