Das macht den Zwischenruf aus Phoenix umso wichtiger. Richterin Bolton hat der Politik Zeit geschenkt - viel Zeit, denn schon jetzt ist klar, dass sich dieser prinzipielle Rechtsstreit um Sicherheit (nach außen) und Freiheit (im Innern) durch die Instanzen ziehen wird. Wahrscheinlich landet der "Fall Arizona" irgendwann beim Supreme Court in Washington. Dort gehört er hin, schließlich beraten die neun Verfassungsrichter dann - als "Causa americana" - über die künftige Identität der Nation.

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Amerikas Immigrationsdebatte ist anders, muss leidenschaftlicher und grundsätzlicher sein als Europas Gefeilsche um Schengener Visa-Standards und polizeirechtliche Zugriffsregeln. Die alte Welt, traditionell eine Auswanderer-Region, hat sich so seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Festung Europa hochgerüstet. Amerika kann das so nicht tun, jedenfalls nicht ohne Verrat an sich selbst und seiner Geschichte. Auch deshalb ringen die Parteien in Washington nun schon seit zehn Jahren um eine umfassende Reform des Einwanderungsrechts. Kläglich sind sie bisher gescheitert - und doch haben sie sich bisher ehrenvoller geschlagen als die weltvergessenen Abschottungspolitiker der Europäischen Union.

Amerika fällt der Kompromiss schwer. Und er wird jedes Jahr schwerer, weil versteckt hinter dem Streit um ein neues Immigrationsrecht die Frage nach dem Antlitz der Nation lauert: Wie bunt, und wie braun gefärbt will Amerika künftig sein? Längst leben in den USA mehr Latinos als Afro-Amerikaner. In vielen Großstädten, allen voran in Texas und Kalifornien, gewinnen die Nachfahren mexikanischer Landarbeiter den Verdrängungswettbewerb gegen die Urenkel der Sklaven. Und die nächste, noch grundsätzlichere Verwandlung Amerikas zeichnet sich bereits ab: Vor Mitte dieses Jahrhunderts werden die Weißen, mithin der US-Gründerstamm, zur Minderheit im Land. Die Mehrheit bilden dann, zusammen genommen, alle Minderheiten. "Miss Liberty" hat das nie kommen sehen. Sie rief ihr Freiheitsversprechen ja seit jeher in Richtung Osten, nach Europa. Wie viel davon auch gegenüber dem Süden gelten soll, das müssen ihre Amerikaner erst noch herausfinden.

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(SZ vom 30.07.2010/bavo)