Eingebürgerte Minister Amerikanerin für die Ukraine

Natalie Ann Jaresko, 48, kam in Chicago zur Welt, hat in Harvard studiert, aber auch lange in der Ukraine gelebt.

(Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters)
  • Der neuen Regierung der Ukraine gehören auch drei eingebürgerte Ausländer an. Das sei nötig für den Kampf gegen die Korruption, sagt Präsident Petro Poroschenko.
  • Tatsächlich ist die Ukraine laut einer Statistik von Transparency International das korrupteste Land in Europa.
  • Neue Finanzministerin ist die Harvard-Kennedy-School-Absolventin Natalie Ann Jaresko, ihre Eltern wanderten einst von der Ukraine nach Amerika aus.
Von Frank Nienhuysen

Als Natalie Jaresko am Dienstag aufstand, war sie Amerikanerin. Als sie am Ende eines langen Tages schlafen ging, war sie auch Ukrainerin - und Ministerin noch dazu. Die Harvard-Absolventin, geboren und aufgewachsen in Chicago, hat im Schnellverfahren die ukrainische Staatsangehörigkeit erhalten, damit sie die neue Regierung der Ukraine verstärken kann.

Und sie ist nicht die Einzige. Aus dem Georgier Alexander Kwitaschwili wurde der ukrainische Gesundheitsminister, aus dem Litauer Aivaras Abromavičius der ukrainische Wirtschaftsminister. Präsident Petro Poroschenko gibt zu, dass die Naturalisierungswelle eine "unorthodoxe Entscheidung" sei. Aber für den Kampf gegen Korruption sei dies nun einmal nötig gewesen.

Platz 142 von 175

Nur einen Tag, nachdem die Regierung in Kiew bestätigt worden war, bestätigte Transparency International den Präsidenten. Die betrübliche Lage: Platz 142 von 175 aufgeführten Staaten. Ein Jahr nach dem Maidan, dem Beginn der Proteste, sei die Ukraine "das korrupteste Land in Europa". Neue Gesetze wurden erst vor wenigen Wochen verabschiedet, die Ergebnisse dürften sich also erst noch auswirken. Doch Kiew hat keine Zeit zu verlieren. Geld, das versickert, fehlt dem Staat, der ohnehin ausgezehrt wird vom Krieg gegen die prorussischen Separatisten. Kaum Ukrainerin geworden, musste die Finanzministerin auf Geheiß von Regierungschef Arsenij Jazenjuk Vertreter des Internationalen Währungsfonds einladen, um mit ihnen über neue Hilfskredite zu verhandeln.

Eine Amerikanerin für die Ukraine also. Jaresko, 48, Finanz- und Handelsexpertin, einst Mitglied im US-Diplomatenkorps, hat jahrelang mit den großen Institutionen zusammengearbeitet, die auch für die Ukraine wichtig sind: dem IWF, der Weltbank, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Sie weiß, wie man mit ihnen verhandelt. Und sie versteht eine Menge von der Ukraine.

"Teil eines historischen Prozesses"

Ihre ukrainischen Eltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert. Jaresko spricht Ukrainisch, hat fast die gesamte postsowjetische Zeit in dem Land verbracht, seitdem sie in den Neunzigern in die Wirtschaftsabteilung der US-Botschaft in Kiew versetzt wurde. Sie wechselte später zu einem Investmentfonds und wurde zu einem der einflussreichsten Ausländer in der Ukraine gewählt.

Zusammen mit dem eingebürgerten Wirtschaftsminister aus Litauen muss Jaresko nun die Schattenwirtschaft bekämpfen und den Steuerfluss in den Staatshaushalt vergrößern. Eine schwere Aufgabe, die sie natürlich etwas euphorischer beschreibt, nämlich: als Ministerin "Teil eines historischen Prozesses zu sein". Washington wird sich freuen über eine Amerikanerin in Kiew. Ministerkollege Kwitaschwili dürfte da weniger Gunst haben in seiner Ex-Heimat. Er war bereits in Georgien im Kabinett, als dort noch Michail Saakaschwili regierte. Jetzt lässt Tiflis wegen Amtsmissbrauchs gegen den Ex-Präsidenten ermitteln.