So unabweisbar diese Feststellung ist, so folgt aus ihr doch nur unter pazifistischer Prämisse eine klare Handlungsanweisung. Krieg setze ein Gewaltpotential frei, für das sie keine Rechtfertigung sehe, hat Käßmann in einem Interview gesagt. Sie bezog das ausdrücklich auch auf das Eingreifen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und fragte gewunden, warum Amerikaner und Briten nicht nach anderen "Strategien" gegen die Nazis gesucht hätten.
Anzeige
Der Erflog steht in Frage
Auch Käßmann weiß eben nicht, wie man durch Nichtstun am besten seine Hände in Unschuld wäscht. Wer heute den sofortigen Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan fordert, muss zumindest in Betracht ziehen, dass dies mehr Menschenleben kosten als retten könnte. Und wer die unverzügliche Rückkehr nur der Deutschen verlangt, sucht letztlich ohne Rücksicht auf die Verantwortung am Ort fürs eigene Land den bequemen Weg.
Zugleich steht von Washington über London bis Berlin die Einsicht, dass die Mission mit Waffengewalt nicht zum Erfolg gebracht werden kann, ja der Erfolg überhaupt in Frage steht. Es beginnt nun der langsame Rückzug, langsam genug, um den staatlichen Strukturen in Afghanistan zumindest eine Chance zu geben, sich zu behaupten. Es folgen auch Verhandlungen mit jenen, die eigentlich besiegt werden sollten. Am Ende wird bestenfalls ein Afghanistan stehen, in dem nicht die Willkür herrscht und das kein sicherer Hafen ist für den Terror. Das ist wenig, sehr wenig gemessen an den ursprünglichen Zielen.
Für die deutsche Regierung ist das schwierig. Sie muss erklären, dass Soldaten der Bundeswehr fern in Asien ihr Leben riskieren für eine Mission, die nicht mehr wirklich gelingen, sondern nur noch vor dem totalen Scheitern bewahrt werden kann. In dieser Situation mag es verlockend sein, mit Floskeln wie "Übergabe in Verantwortung" wieder den Schutz verbalen Nebels zu suchen. Kanzlerin Merkel und ihr Außenminister tun es.
Groß ist auch die Versuchung - diese Tendenz steigt bei der SPD -, sich ganz aus der Verantwortung zu stehlen. Nie wieder Kundus, ist nun zu hören. Das bleibt zu hoffen. Nie wieder einen Krieg verschleiern und vernebeln - das hingegen wäre ein gutes Versprechen.
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Afghanistan RSS
- US-Einsatz im Irak Ein Krieg, den alle verloren haben 31.08.2010
- Opfer der Kundus-Luftangriffe Was kostet ein Toter? 02.09.2010
- Einsatz in Afghanistan Risiken des Rückzugs 02.09.2010
- US-Soldaten in Afghanistan Mord als Zeitvertreib 09.09.2010
- Afghanistan: Taliban-Chef Omar Mullah macht mobil 09.09.2010
- Islamismus Verschollen am Hindukusch 06.09.2010
- Kundus-Affäre Tanklastwagenfahrer verklagt Verteidigungsministerium 05.09.2010
(SZ vom 28.08.2010/mob)
Russland unter Putin