Das Bombardement von Kundus fügte der Bundeswehr großen moralischen Schaden zu. Es markierte aber auch das Ende eines Selbstbetruges: Deutschland steckt in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist - in dem Scheitern aber verhindert werden muss.
Sechs Wochen vor der Nacht, die das Ende ihrer Karrieren besiegeln sollte, gaben zwei Männer in Berlin eine große Pressekonferenz. Sie waren guter Dinge. Der eine, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, sagte, es sei "jetzt einfach an der Zeit, diese Eskalation vorzunehmen". Er berichtete, dass die Bundeswehr sich im Norden Afghanistans mit schweren Waffen an einer Offensive gegen die Taliban beteilige.
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Ein Jahr nach Kundus: Der bundesdeutsche Selbstbetrug ist vorbei, der Konflikt jedoch nach wie vor nicht zu gewinnen. (© ddp)
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Der andere, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, gab zu, dass die deutschen Soldaten durch eine verschlechterte Sicherheitslage "herausgefordert" würden, mochte das aber nicht Krieg nennen, zumal der größte Teil des Einsatzgebietes der Bundeswehr doch friedlich sei. So klang es, wenn über Afghanistan geredet wurde. Vor Kundus.
Hinter einem Schleier undurchdringlicher Vokabeln blieb zumeist verborgen, was am Hindukusch wirklich vor sich ging. So schien sich über Jahre im deutschen Afghanistan-Einsatz eine einzige Wetterlage zu halten: der Nebel. Jung war dabei nicht der Erste, der sich hinter Floskeln versteckte, aber der Erste, der sich dabei so ungeschickt anstellte.
Unerträgliche Hilfslosigkeit
Bis zur Nacht von Kundus empfanden viele Jungs Hilflosigkeit als unangenehm, danach wurde sie unerträglich. Der Angriffsbefehl des deutschen Obersts Georg Klein mit seinen verheerenden Folgen hat zwar nicht die Lage in Afghanistan verändert, wohl aber die Darstellung dieser Lage in Deutschland. Krieg muss seitdem auch Krieg genannt werden. Das ist die Zäsur, die Kundus markiert.
Seit den neunziger Jahren beteiligt sich Deutschland, wenn es Regierung und Parlament für geboten halten, an Militäreinsätzen im Ausland. 1999 flogen deutsche Piloten Angriffe im Kosovo-Krieg, nach dem 11. September 2001 versicherte Gerhard Schröder den USA eine "uneingeschränkte Solidarität". Die führte deutsche Soldaten nach Afghanistan. Das entsprach und entspricht der Verantwortung, die das vereinigte Deutschland übernehmen wollte.
Die Deutschen mussten sich von einer Lehre verabschieden, die sie aus zwei von ihrem Land begonnenen Weltkriegen gezogen hatten - jene der unbedingten militärischen Zurückhaltung. Dadurch verschwindet der Einschnitt nicht, für den Kundus steht, aber er verliert an Tiefe. Schon als bewaffnete Soldaten in den Einsatz geschickt wurden, war entschieden, dass sie eines Tages auch schreckliche Fehler begehen würden.
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