Von Reymer Klüver

"Katrina" offenbarte das Ausmaß von Armut und Rassismus im Land - und kostete Bush seine Glaubwürdigkeit als Garant der Sicherheit der Nation. Die Amerikaner sind von der eigenen Verwundbarkeit geschockt.

Die Erinnerung an gleich zwei nationale Schicksalsschläge sucht Amerika dieser Tage heim: Hurrikan Katrina vor genau einem Jahr, die gewaltigste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA, nahtlos gefolgt von 9/11, dem Terroranschlag, der das Land vor fünf Jahren ins Mark traf. Die Amerikaner werden sich wieder der enormen Verwundbarkeit ihres Landes erinnern. Sie werden sich aber auch erinnern, wie unterschiedlich der Vormann der Nation auf die Herausforderungen reagierte.

Bush und Katrina

Bush und sein Waterloo "Katrina" (© Grafik: sueddeutsche.de)

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Nach 9/11 hatte sich ein Foto in die Köpfe der Amerikaner gebrannt: der Präsident, der mit dem Megaphon in der Hand auf den rauchenden Trümmern des World Trade Center der Nation Schutz verspricht.

Doch vor einem Jahr schob sich eine andere Aufnahme darüber: Der Mann an Bord von Airforce One, der aus Tausenden Metern Höhe dem Untergang einer amerikanischen Metropole untätig zuschaut.

Nach den Anschlägen hatte George W.Bush als Führungsfigur der Nation Statur gewonnen. Amerika wollte einen zuverlässigen Commander-in-Chief, und Bush füllte diese Rolle überzeugend aus. Katrina aber hat alles verändert. Der Sturm hat Bush seine Glaubwürdigkeit als Garant der Sicherheit der Nation gekostet. Die Amerikaner merkten, dass der Staat schlicht nicht genug Vorsorge für den Notfall getroffen hatte - obwohl ihnen das ihr Präsident seit Jahren suggeriert hatte.

Groß war das Erschrecken nach der Flut noch in anderer Hinsicht. Katrina offenbarte ein Ausmaß von Armut und Rassismus, das viele in diesem Land nicht mehr für möglich gehalten hatten. Es waren vor allem Schwarze, die tagelang auf Hausdächern um Hilfe betteln mussten. Es waren Schwarze, die zu Tausenden in der Football-Arena und im Kongresszentrum von New Orleans zusammengepfercht waren. In der New York Times schrieben sie konsterniert von einem "Dritte-Welt-Land, das sich plötzlich an Amerikas Golfküste aufgetan hat".

Das war sicherlich übertrieben. 110 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfe machten Bush und seine Republikaner locker, um die tatsächlichen und politischen Schäden der wahren Flut einzudämmen. Die Geldflut zeigte Wirkung. Ende vergangenen Jahres ermittelten Demoskopen, dass zwei Dritteln die Folgen des Hurrikans nun herzlich egal waren. Amerika hatte sich schnell mit der Agonie einer ganzen Region arrangiert.

In seiner alljährlichen Rede vor dem Kongress erwähnte Bush die Jahrhundertkatastrophe nur noch mit einem Satz. Katrina stellte sicherlich nicht die größte Herausforderung für ihn dar. Dennoch sind die politischen Folgen des Desasters nicht zu unterschätzen. Die Flut hat die Schutzdeiche eingerissen, die Bush bis dahin umgaben. Verfestigt hat sich seither der Eindruck, dass selbst in Fragen nationaler Sicherheit nicht mehr völliger Verlass auf den Commander-in-Chief ist. Eine Mehrheit der US-Bürger traut dem Staat nicht mehr zu, für ihren Schutz sorgen zu können.

Bleischwer lastet ohnehin die allgemeine Beklommenheit über das Debakel im Irak auf dem Präsidenten und seiner Partei. Bushs jüngster Versuch, die nicht endenden Kämpfe als Teil des Kriegs gegen den Terror zu definieren, überzeugt die Amerikaner immer weniger. Sie nehmen ihm nicht fraglos ab, dass ein Zurückweichen im Irak den Angriff der Terroristen in Amerika zur Folge hätte.

Die Republikaner versuchen dennoch, die Kongresswahlen im November noch einmal zur Abstimmung darüber zu machen, wer die Sicherheit des Landes besser gewährleistet. Das ist ein riskantes Spiel. Denn vieles deutet darauf hin, dass zahlreiche Wähler den Kandidaten der Demokraten ihre Stimme geben könnten. Zum einen sind viele der Bush-Republikaner überdrüssig. Zum anderen haben die "Bushies" das Vertrauen der Amerikaner in die nationale Sicherheit verspielt. Dies ist der eigentliche Katrina-Effekt.

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(SZ vom 28.08.06)