Ein Jahr nach dem Rücktritt Was wir durch Guttenberg gelernt haben

Einst die Hoffnung der CSU, jetzt Spottobjekt: Karl-Theodor zu Guttenberg hat ein übles Jahr hinter sich. Anfang Februar 2011 deckte die SZ die Plagiatsaffäre des damaligen Verteidigungsministers auf, am 1. März trat er zurück. Dass er bislang an einem Comeback scheiterte, liegt auch am Lerneffekt vieler Medien.

Von Roland Preuß

Nichts geht mehr für Karl-Theodor zu Guttenberg. Das zeigte sich wieder bei jenem Treffen mit einem Netzpolitiker Anfang Februar in Berlin. In dem schummrigen Café in Friedrichshain drückten Aktivisten dem Freiherrn, der für die EU die Freiheit im Internet fördern soll, eine Torte ins Gesicht. Das Video landete auf Youtube. Der frühere Verteidigungsminister, einst gefeiert als die Nachwuchshoffnung der Union und scheinbar unaufhaltbar an der Spitze der Popularitätsumfragen, er gab nun spöttische Meldungen im "Vermischten" her. Der Anschlag mit Konditoreiware setzte einem üblen Jahr für Guttenberg die Krone auf.

Guttenberg im Scheinwerferlicht: Die Fotos des dynamischen Jungministers waren überall zu sehen. Nach der Plagiatsaffäre war das anders.

(Foto: dpa)

Guttenberg war gerade dabei, einen neuen, auf Form und Noblesse setzenden Stil in der Politik durchzusetzen, als ihn vor einem Jahr die Plagiatsaffäre ereilte. Mitte Februar vergangenen Jahres enthüllten die Süddeutsche Zeitung und Süddeutsche.de erstmals die Vorwürfe gegen den CSU-Politiker, zwei Wochen und zahlreiche Plagiatsfunde später trat er zurück: am 1. März 2011.

Der Rückzug markiert nicht nur den Absturz des beliebtesten Politiker des Landes. Er illustriert auch den Lerneffekt vieler Medien, der letztlich auch dazu führte, dass Guttenbergs Comeback-Versuch im Herbst scheiterte. Aber der Reihe nach.

Die etablierten Medien, auch jene, die sich als kritisch verstehen, hatten den Hype um Deutschlands Darling durchaus befördert. Der Spiegel hob das adlige Ehepaar als "Die Fabelhaften Guttenbergs" in einer Mischung aus Ironie und Bewunderung auf sein Titelbild, Johannes B. Kerner interviewte den Minister vor Kriegskulisse im afghanischen Bundeswehr-Lager. Überall erschienen die Fotos vom dynamischen Jungminister, der sich in Kampfmontur oder Maßanzug in Szene setzte - darunter auch die SZ.

Selbst in der viel gelobten Biografie Guttenbergs der FAS-Journalisten Wehner und Lohse kommt KT, wie er gerne genannt wird, gar nicht schlecht weg. Sein Hang zur Inszenierung und interpretationsfreudigen Umgang mit der Wahrheit wird gut herausgearbeitet, dennoch bleibt unter dem Strich ein beeindruckendes Bild von einem Aufsteiger.

So zeichnen die Biografen gekonnt nach, dass Guttenberg die Führungskräfte Staatssekretär Peter Wichert und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan in der Affäre um bombardierte Zivilisten im afghanischen Kundus sachlich offenbar zu Unrecht entlassen hat. Allerdings, so der Eindruck, habe er damit klargestellt, wer der Herr im Ministerium sei. Guttenberg ist der Durchsetzer, der auch mal mit fragwürdigen Methoden arbeitet. Doch er hat Erfolg. Selbst der Spiegel folgte in seinem ersten Bericht über die Entlassung der Darstellung Guttenbergs, Wichert und Schneiderhan hätten ihm Informationen vorenthalten - was das Magazin später korrigierte.

Überhaupt wird so einiges im Zuge der Plagiatsaffäre. Guttenbergs Einsatz gegen Staatshilfen für den Autohersteller Opel wird nun nicht mehr als heldenhafter Widerstand gesehen, sondern als Dampfplauderei, bei der sich der damalige Wirtschaftsminister mit wenig Sachwissen auf Kosten seiner Kabinettskollegen profiliert - und nach seiner Niederlage nicht, wie angedroht, zurücktritt.

Guttenbergs offizieller Lebenslauf wird als teilweise hochstaplerisch entlarvt: Seine "Mitarbeit" bei der Welt als wenig ergiebiges Praktikum, sein "Prädikats-Examen" als wenig beeindruckendes Ergebnis, das sich nur in Bayern und wenigen anderen Ländern als "Kleines Prädikat" bezeichnen lässt.

Die Entlassungen in der Kundus-Affäre zeigen Parallelen auf zu weiteren Fällen gnadenlosen Umgangs mit Untergebenen, wie etwa dem Gorch-Fock-Kapitäns Norbert Schatz. Er wird nur aufgrund von Informationen und einer Anfrage der Bild-Zeitung kurzerhand von Guttenberg suspendiert. Erst jetzt sieht man in den Redaktionen so genau hin - und traut sich anhand der sonst kleinkariert erscheinenden Details gegen den populären Minister zu schreiben.

Diese neuen Skizzen ergeben schließlich ein neues Bild von Guttenberg, das seinen Niedergang befördert. Es sind nicht nur die Plagiatsvorwürfe an sich. Die klassischen Medien haben in der Affäre ihre Macht gezeigt, denn sie betrieben jenseits der Plagiatsbelege im Internet diese neue Sicht auf Guttenberg, die seine Popularität zum Schwinden brachte.

Im Herbst dann unterstrichen sie diese Rolle: Für seinen Comeback-Versuch konnte Guttenberg auf die Zeit und die Bild setzen, doch ansonsten blieb er weitgehend allein. Die Kritik an seinen halbherzigen Eingeständnissen und hochmütigen Politansagen war harsch und breit. Die populäre Bewegung für KT, die ein Jahr zuvor noch Solidaritätsdemonstrationen ausgelöst hatte, war verebbt.

Nach einem Jahr vermisst kaum mehr jemand Karl-Theodor zu Guttenberg.