sueddeutsche.de: Im Gegensatz zu inhaltlichen Diskussionen sorgen Stasi-Vorwürfe immer wieder für Aufsehen. Jüngstes Beispiel ist Ihr Fraktionschef Gregor Gysi. Kann sich die Partei jemals vom Erbe der SED lösen?

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Schubert: Nein, das kann sie nicht. Wir stehen nun einmal in Nachfolge der SED, wir haben die Verantwortung und nehmen diese auch wahr. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Bruch mit dem Stalinismus als System sind für die Partei von zentraler Bedeutung. Vieles an der Diskussion um Gregor Gysi aber ist zutiefst verlogen. CDU und Liberale waren Blockparteien im Osten und sie haben alle Mitglieder übernommen, ohne zu fragen. Da findet überhaupt keine Auseinandersetzung statt.

sueddeutsche.de: Jetzt schieben Sie die Verantwortung aber auf die anderen.

Schubert: Nein, ich habe explizit gesagt, dass wir die Verantwortung übernehmen.

sueddeutsche.de: Gilt das auch für den Fall Gysi?

Schubert: Nicht jeder ist IM, nur weil die Birthler-Behörde das behauptet. Und Gregor Gysi hat gesagt, er war kein IM - diese Aussage steht. Wir leben in einem Rechtsstaat, da gilt die Unschuldsvermutung. Wir haben viele Mitglieder, die sich zu ihrer Vergangenheit bekennen und sich intensiv damit auseinandersetzen und in der Folge mit Geheimdiensten und ihrem repressiven, undemokratischen Charakter in der Gesellschaft überhaupt.

sueddeutsche.de: Ist es denn in diesem ersten Jahr gelungen, aus WASG und PDS eine funktionierende Partei zu formen?

Schubert: Das ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Im Osten fällt die Zahl der WASGler nicht so ins Gewicht und trotzdem hat sich die Partei auch dort verändert. Im Westen muss man das differenziert betrachten. Das ist von Kreisverband zu Kreisverband sehr unterschiedlich. Bis die Partei wirklich zusammengewachsen ist, dauert es eine ganze Weile. Durch neue Mitglieder wird die Partei mittelfristig auch etwas anderes sein, als nur die Synthese der beiden ursprünglichen Parteien.

sueddeutsche.de: So ein kleines Jubiläum lädt ja auch zu einer selbstkritischen Betrachtung ein. Welche Fehler hat die Linke denn im ersten Jahr gemacht?

Schubert: In Zeiten des Erfolgs macht man keine Fehler in diesem Sinne. Das ist für mich gar nicht die richtige Frage.

sueddeutsche.de: Was ist dann die richtige Frage?

Schubert: Die richtige Frage ist: Sind wir in der Lage, jetzt die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen, dass es uns nicht nur gelingt, zu sagen, was wir alles nicht wollen, sondern gleichzeitig sagen zu können, was wir wie verändern wollen, um unserem Ziel einer gerechteren, demokratischeren Gesellschaft näher zu kommen.

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(sueddeutsche.de/cmat)