Ein Kommentar von Reymer Klüver

Unbestritten, Barack Obama hat die USA verändert. Doch ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist die Liste der unerfüllten Versprechen immer noch lang. Das muss sich bald ändern.

Auf den Tag ein Jahr ist es her, dass eine neue Zeitrechnung anbrechen sollte für Amerika und die Welt. Seine Landsleute, sagte Barack Obama am Abend seines Wahltriumphs, hätten den Mantel der Geschichte erfasst. "Der Wandel ist nach Amerika gekommen", rief er in die kalte Nacht von Chicago - und den Menschen im ganzen Land, ja, rund um den Globus wurde es warm ums Herz.

Barack Obama Wahlsieg

Beginn einer neuen Zeitrechnung: Barack Obama nach seinem Wahlsieg mit seiner Familie (© Foto: Reuters)

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Da stand ein Mann, der glaubhaft einen Neuanfang zu verkörpern schien, nach den bleiernen Jahren der Bush-Präsidentschaft, die auf so vielen Amerikanern wie ein böser Albdruck lastete und das Bild der USA in der Welt verdüstert hatte. Obama war damit der lebende Beweis für die Selbstreinigungskraft der amerikanischen Demokratie.

Zum ersten Mal hatte die Nation einen Schwarzen ins Weiße Haus gewählt. Fast wie ein Messias wurde er gefeiert, der imstande war, durch die Macht seiner Worte Berge zu versetzen. Die Menschen wollten es glauben, und Obama tat wenig, die übersteigerten Erwartungen zu dämpfen.

Ein Jahr danach ist Ernüchterung eingekehrt. Die Berge, vor denen dieser junge Präsident steht, türmen sich mächtiger auf denn je. Gemessen an den unrealistischen Hoffnungen, die er geweckt hat, müsste Obamas Präsidentschaft bereits heute als Fehlschlag verbucht werden. Obama hat sich unbeliebt gemacht.

Die Popularitätswerte des Mannes, der mit einem Vertrauensvorschuss ins Amt gegangen ist wie selten ein Präsident vor ihm, sind grauer Durchschnitt - nicht besser, als es die seiner mehr oder minder mediokren Vorgänger seinerzeit waren. Der Honeymoon der Amerikaner mit ihrem neuen Präsidenten ist vorbei. Die Rechten fühlen sich bestätigt, weil sie ihn immer für einen Scharlatan gehalten haben. Die Linken sind enttäuscht, weil sie seine glänzende Wahlkampfrhetorik für bare Münze nehmen wollten.

Tatsächlich hat Obama wenig Greifbares vorzuweisen - noch. Außenpolitisch hat sein Versprechen, Frieden zu schaffen ohne Waffen, Amerikas eingeschworene Feinde nicht sehr beeindruckt: Weder gegenüber Iran noch im Verhältnis zu Nordkorea hat seine Bereitschaft zum Dialog Früchte getragen. Im Nahen Osten geht nichts voran.

Mehr noch: Obama hat den schmutzigen Geheimkrieg seines Vorgängers in den Bergen Pakistans verschärft mit inzwischen alltäglichen Raketenschlägen gegen die Terrorbanden. In den kommenden Wochen wird er das US-Engagement in Afghanistan derart erhöhen, dass so viele US-Soldaten im Kriegseinsatz sind wie in den schlimmsten Monaten unter George W. Bush. Und das Schandlager von Guantanamo ist auch noch nicht geschlossen.

Innenpolitisch ist Obamas Versprechen eines parteiübergreifenden Neuanfangs wie eine Seifenblase zerstoben. Die Republikaner betreiben Fundamentalopposition, und die Demokraten kann der Präsident nur mit größter Mühe hinter seinen Reformvorhaben zusammentreiben. Alles braucht viel mehr Zeit als gedacht.

Obama hat die USA verändert

Wenn die Gesundheitsreform kommt, wird sie nicht annähernd so vielen Amerikanern den Schutz einer Krankenversicherung bringen, wie von Obama zuvor versprochen. Der Klimaschutz ist vertagt. Selbst die Schwulen und Lesben murren, weil der Präsident die unsägliche Praxis der US-Streitkräfte bislang nicht beendet hat, bekennende Homosexuelle zu feuern.

Lang ist die Liste unerfüllter Versprechen, Wünsche und Träume. Doch selbst wenn viel greifbare Resultate fehlen, hat Obama Amerika bereits mehr verändert, als seine Kritiker glauben.

Er hat politische Prinzipien wieder eingeführt, die Amerikas maßvoller Seele näher liegen als die verquere Großmanns-Attitüde seines Vorgängers. Er hat das Ansehen der Nation in der Welt wiederhergestellt, nicht allein durch seinen überzeugenden Wahlsieg vor einem Jahr, sondern auch durch seine Reden und eine überlegte Amtsführung.

Endgültig Vergangenheit sind schale Predigten von Freiheit und Demokratie, denen man notfalls Waffengewalt folgen lässt. Vorbei ist eine Kurzschlusspolitik, die bereit war, die Rechtsstaatlichkeit zu opfern im Kampf gegen den Terror.

Nach außen sucht Obama Allianzen und den Ausgleich - Dialog statt Diktat. Nach innen ist trotz aller Kompromisse - siehe Guantanamo und die fortgesetzte Inhaftierung mutmaßlicher Feinde Amerikas ohne Rechtsgrundlage - die Rückkehr zum Gleichgewicht der Gewalten und zur Kontrolle staatlicher Macht zu erkennen.

Das epische Ringen um die Gesundheitsreform offenbart - neben zahlreichen politischen Fehlkalkulationen - ebenfalls ein Streben nach Konsens. Und die langen Beratungen über die Strategie in Afghanistan lassen erkennen, dass kein Hamlet im Weißen Haus residiert, sondern ein Analytiker, der die Konsequenzen seines Tuns nüchtern zu durchdenken weiß. Das ist eine beruhigende Erkenntnis.

Obama rackert, das ist ein Jahr nach seiner Wahl klar. Noch ist es zu früh für ein Urteil über seine Präsidentschaft. Doch spätestens in einem Jahr, wenn ein neuer Kongress gewählt wird, muss Barack Obama ein paar der Berge vor ihm so weit abgetragen haben, dass neue Horizonte erkennbar sein werden. Sonst wird ihn das Wahlvolk bestrafen - und die Geschichte auch.

Und was ist Ihre Meinung zu Barack Obama, ein Jahr nach seinem Amtsantritt? Schreiben Sie uns!

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(SZ vom 04.11.2009/bavo/gba)