Von Von Constanze von Bullion

Muslimische Dorfmoral in der Berliner Moderne: Schon wieder haben türkische Männer eine Frau mit dem Tod. Die Geschichte eines brutalen Zusammenpralls der Kulturen.

Mit der Sicherheit von Schlafwandlern sollen die Mörder ans Werk gegangen sein, mitten in Berlin, in einer ärmlichen, vom Regen geschwärzten Wohnsiedlung, gleich neben einer Bushaltestelle. Zwei Kugeln wurden ihr dort durch den Schädel gejagt, die dritte blieb stecken. Dann war sie tot, und das Gesetz der Ehre war vollstreckt.

Trauriger Abschied: Blumen an dem Ort, an dem Hatuns Leben endete. (© Foto: dpa)

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Ganz einfach, fast wie in einem alten Märchen, klingt die Geschichte der Hatun Sürücü, die seit Tagen Berlin bewegt wie ein böser Traum. Eine 23 Jahre alte deutsche Türkin wurde auf offener Straße erschossen. Wenn stimmt, was die Justiz vermutet, haben ihre Brüder einen "Ehrenmord" an ihr begangen und mit drei Schüssen versucht zu tilgen, was sie für einen Schandfleck auf dem Antlitz der Familie gehalten haben.

Der Fall hätte wohl nur wenige beunruhigt, wäre es nicht der fünfte Mord binnen vier Monaten, mit dem muslimische Männer in Berlin ungehorsame Frauen bestraften. Am 18. Oktober wurde eine junge Deutsche an einer Imbissbude erstochen, offenbar von ihrem gewalttätigen türkischen Ex-Mann.

Der Vater sprach nicht mit ihr, die Mutter nur heimlich

Am 25. November starb Semra U., angeblich stritt sie mit ihrem Partner um ein Kind. Vier Tage später lag Melek E. mit einer tödlichen Stichwunde im Krankenhaus. Ihr Mann soll sie umgebracht haben, weil sie ihn nicht liebte. Am 4. Januar wurde Meyrem Ö. erwürgt, der Gatte floh in die Türkei. Nun also Hatun Sürücü. Sie wollte selbstständig leben.

Ein runder Holztisch, sehr schwarzer Tee, drei Frauen tasten sich durch ihre Vergangenheit. In der Küche einer Beratungsstelle des Jugendaufbauwerks sitzen Sozialarbeiterinnen, die Mütter in Krisensituationen betreuen. Fünf Jahre ist es her, dass Hatun Sürücü hier auftauchte.

Sie war 17 Jahre alt, sehr ernst, sehr schweigsam und tief verhüllt. Ihr Sohn war noch kein Jahr alt, und bei ihren Eltern, hieß es, sei für sie kein Platz. Was sich den Betreuerinnen dann eröffnete, war ein Leben, zerrissen zwischen den Welten. Hatun Sürücü, gebürtige Berlinerin, war gegen ihren Willen mit einem Cousin in der Türkei verheiratet worden. Sie hatte ihn verlassen, wollte zurück nach Hause. Doch diese Rückkehr hat man ihr verweigert.

"Es gab immer wieder Stress mit ihrer Familie", sagt Jutta Sage-Hutopp vorsichtig. Die Sozialarbeiterin hatte bald begriffen, dass Hatun Sürücü eine Ausgestoßene war. Sie durfte nicht in die Wohnung der Eltern, nicht zur Hochzeit des Bruders, der Vater sprach nicht mit ihr, die Mutter nur heimlich.

Der "Zwiebel-Effekt" und seine Folgen

Als dann dieser "Zwiebel-Effekt" einsetzte, gingen die Brüder auf sie los. Hatun Sürücü blühte auf und legte wie eine Zwiebel eine Kleiderschicht nach der anderen ab. Das Kopftuch verschwand, sie begann sich zu schminken, machte einen Schulabschluss und eine Lehre als Elektroinstallateurin. Ihren Sohn Cam zog sie alleine groß, ließ sich von Freunden wenig dreinreden.

Eine Kämpfernatur, die sich stritt und mutig war, sagt ihre Betreuerin. Aber keine, die es ohne Hilfe schaffte. Immer wieder muss Hatun Sürücü eingebrochen sein, zog sich wochenlang zurück, ging nicht ans Telefon und ließ Termine sausen. Manchmal kam sie mit einem blauen Auge daher, das hatte ihr ein Bruder verpasst.

"Die haben ihr schon immer das Schlimmste angedroht", sagt Jutta Sage-Hutopp. Doch Hatun Sürücü tat, was so viele Frauen in ihrer Situation tun: Sie suchte immer wieder Kontakt zu ihrer Großfamilie, ohne die sie sich sterbenseinsam fühlte.

Und plötzlich sollen die Brüder sie erschossen haben? Vorstellen können sich die Frauen im Jugendaufbauwerk das noch immer nicht. Auch wenn ihnen wieder eingefallen ist, dass Hatun Sürücü vor einem ihrer Brüder besondere Angst hatte, er soll sie einmal sogar im Bus verprügelt haben: Mütlü Sürücü ist zwei Jahre älter als sie und stieg zum Lieblingssohn der Familie auf, während sie in Schande verstoßen blieb.

Der Schütze war 18 Jahre alt

Mütlü ist jetzt 25 Jahre alt und soll die Waffe besorgt haben, wie ihm der Haftrichter vorwirft. Alpaslan ist 24 und soll seine Schwester aus dem Haus gelockt haben. Ayhan ist 18 und wird verdächtigt, geschossen zu haben. Alle drei sitzen in Untersuchungshaft und bestreiten jegliche Beteiligung an der Tat.

Unter großbürgerlichen Stuckdecken eines Büros in Berlin-Mitte kämpft Seyran Ates gegen die Zeit. Am Morgen hat sie vor Gericht eine Türkin vertreten, die sich scheiden lässt und bedroht wird. Mittags berät sie eine, die sich nicht zwangsverheiraten lassen will. Und abends, wenn ihr Baby langsam laut wird, redet sie über "Ehrenmorde".

Seyran Ates ist Anwältin, deutsche Türkin und Überzeugungstäterin. Vor 20 Jahren hat auch auf sie mal einer geschossen in Berlin, weil sie sich für türkische Frauen stark machte. Sie hat überlebt - und wenig Verständnis für Leute, die jede Kritik an muslimischen Betonköpfen als Rassismus zurückweisen. "Aufgrund der Geschichte", sagt sie, " gibt es hier einen falschen Toleranzbegriff."

Seyran Ates kämpft für eine Reform des Strafrechts, weil es, so sagt sie, muslimische Männer schützt, die ihre Familien mit vorsintflutlichen Ehrvorstellungen in Schach halten. So gilt die Zwangsverheiratung in Deutschland nur als Vergehen, das mit einer Geldstrafe geahndet werden kann. "Das ist eine Menschenrechtsverletzung und ein Verbrechen", sagt die Anwältin. Verbrechen werden in Deutschland mit Freiheitsstrafen nicht unter einem Jahr bestraft.

"Wir brauchen männliche Vorbilder"

Wer Unrechtsbewusstsein wecken will in der türkischen Gemeinde und bei denen, die sich längst abgewandt haben vom deutschen Rechtsstaat, muss aber nicht nur abschrecken, sondern auch Vorbild sein, meint Ates. "Wir müssen mit den Jungs reden, wir brauchen männliche Vorbilder, das können nur die Männer in den türkischen Gemeinden sein."

Im dritten Stock eines alten Fabrikgebäudes schrauben Lehrlinge des Kreuzberger Ausbildungswerks bunte Kabel und Steckdosen zusammen. Auf einer leeren Werkbank steht ein Foto mit einer Rose, Hatun Sürücü lacht auf dem Bild, so als habe sie nichts geahnt. Im März sollte sie ihre Ausbildung abschließen.

Als sich hier herumsprach, was passiert war, war der Schock groß, erzählt Heidi Koselowsky. Bei den türkischen Jungs allerdings war die Anteilnahme nicht ungeteilt, sagt die Sozialpädagogin. "Die nehmen nie die Perspektive der Frau ein, sondern immer die der Familie."

Wer wie eine Deutsche lebt, hat den Tod verdient

Wie schwierig es ist, wenn eine Schwester ausschert, haben sie erklärt, und dass so ein Lebenswandel ein Riesenproblem sein kann für eine Familie. An der Thomas-Morus-Hauptschule in Neukölln haben moslemische Schüler sich deutlicher ausgedrückt. Eine wie Hatun Sürücü sei eine Schlampe, haben sie erklärt, wenn sie wie eine Deutsche lebe, habe sie den Tod verdient.

Die Kreuzberger Lehrlinge immerhin sind zur Beerdigung ihrer Kollegin gefahren. In einer Wartehalle standen da türkische Männer und ihnen gegenüber, streng abgetrennt, die deutschen Gäste. "Da war überhaupt kein Aufeinanderzukommen", sagt Heidi Koselowsky. Als der Sarg hinausgerollt wurde, war er von lauter alten Herren umringt. Die Männer haben das Grab zugeschaufelt, und die Frauen sind verzweifelt. Niemand hat eine Blume aufs Grab gelegt.

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(SZ vom 26.2.2005)