Ebola-Angst in Nordkorea Völlig verrammelt

Medizinisches Personal am Flughafen von Pjöngjang.

(Foto: AP)

Das isolierteste Regime der Welt macht seine Grenzen noch dichter. In Nordkorea grassiert die Ebola-Panik. Das Gesundheitssystem ist zerrüttet, das Land wäre dem Virus nicht gewachsen.

Von Christoph Giesen, Pjöngjang

Fast den gesamten Pass hatte der Grenzbeamte am Flughafen von Pjöngjang schon durchgeblättert, als er auf der vorletzten Seite zwei grüne Stempel entdeckt - sie sind vier Jahre alt. "Welches Land ist das?", bellt er. "Usbekistan", lautet die Antwort. "In Ordnung", sagt er nach einer Weile und drückt seinen eigenen Einreisestempel in den Pass.

Das war am vergangenen Dienstag, und Nordkoreas ohnehin kaum überwindbare Grenze stand zumindest noch einen Spalt weit offen - wenn man das notwendige Visum hatte, und in den vergangenen Wochen nicht in Afrika, den USA oder Spanien gewesen war. Diese Länder sind aus nordkoreanischer Sicht Hochrisikostaaten, denn dort tobt die Todesseuche Ebola. Seit Freitag sind Nordkoreas Grenzen vollkommen dicht, die Volksrepublik hat Quarantäne angeordnet für jeden, der einreist, auch Nordkoreaner sind davon nicht ausgenommen. Das am stärksten isolierte Land der Welt hat sich endgültig ausgegrenzt.

Wer in Nordkorea lebt, darf die 21-Tage-Quarantäne zu Hause absitzen, täglich kommt ein Arzt vorbei und misst Fieber. Alle anderen müssen ins Hotel. Diese Regeln seien in Einklang mit den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entstanden, erklärte das Regime. Die WHO widerspricht dem energisch, nicht einmal der Vertreter der Organisation in Pjöngjang sei konsultiert worden.

Mehr Ebola als Kim Jong Un im Fernsehen

Seit Tagen strahlt das Fernsehen Sondersendungen aus, es wird gezeigt, wie Schulklassen und Arbeitseinheiten über Ebola informiert werden, die Bilder von Toten aus Afrika sind derzeit fast genauso oft zu sehen wie Diktator Kim Jong Un. Und doch ist die Unkenntnis im Land erschreckend hoch. Viele Nordkoreaner glauben, dass sich die Krankheit rasend schnell auf der gesamten Welt ausgebreitet hat und sie genauso rasch übertragbar sei wie eine Erkältung oder eine Grippe. Nur das Verbarrikadieren der Grenze könne das Land retten, hat man ihnen weisgemacht. Die Volksrepublik sei das erste Land der Welt, das jetzt entschlossen handele, dröhnt die Propaganda.

Begonnen hatte die Ebola-Affäre am 23. Oktober, es war ein Donnerstag: Tourismus-Unternehmen, die meistens von China aus Gruppenreisen nach Nordkorea organisieren, bekamen aus Pjöngjang die Mitteilung, dass die Grenzen für Touristen geschlossen werden. "Am darauffolgenden Samstag hätte eigentlich eine Gruppe von uns einreisen sollen", sagt Simon Cockerell von Koryo Tours, dem ältesten Reiseanbieter in Peking. "Die meisten Touristen waren schon in Peking, wir mussten ihnen eröffnen, dass die weite Anreise umsonst war."

Immerhin, das Geld für den Flug von Peking nach Pjöngjang und die Kosten für den Aufenthalt in Nordkorea bekommen die Touristen erstattet. Für das Regime dürfte der Schaden in die Millionen gehen. Jedes Jahr kommen inzwischen mehr als hunderttausend Touristen in das Land - die meisten von ihnen sind Chinesen. Und nicht nur ökonomisch ist die Überreaktion ein Problem. Auch die Arbeit der Botschaften und Hilfsorganisationen in Nordkorea ist inzwischen massiv eingeschränkt.

Ständig ein, zwei Mitarbeiter in Quarantäne

Wenigstens alle zwei Monate fliegen Mitarbeiter nach Peking aus, um Medikamente oder technische Geräte zu besorgen, die es im Land nicht gibt, vor allem aber müssen sie sich in China mit Geld eindecken. In Nordkorea ist es fast unmöglich, an Dollar, Euro oder chinesische Yuan zu kommen, aber genau damit müssen Ausländer zahlen. Ständig ein, zwei Mitarbeiter in Quarantäne, das legt die Arbeit vieler Aktivisten lahm.

Als Erste zog sich Choson Exchange, eine Organisation aus Singapur, zurück, die in Nordkorea Kurse für angehende Geschäftsleute anbietet. "Die Verzögerung unserer Trainingsprogramme könnte uns Zehntausende Dollar kosten und möglicherweise sogar mehr", teilt die Organisation mit. Sollte die Ebola-Sperre Monate andauern, könnten im schlimmsten Fall noch andere Projekte ihre Arbeit einstellen müssen. Und das in einem Land, das nicht genug Lebensmittel für die eigene Bevölkerung bereitstellen kann. Die Unterernährung vieler Kinder liegt in manchen Gegenden auf dem Niveau afrikanischer Staaten.

Warum nimmt das Regime diesen ökonomischen Schaden hin? Tatsache ist: Nordkoreas Krankenhäusern fehlt es am Nötigsten. Es gibt kaum Medikamente. Viele Krankheiten versuchen die Ärzte mit Ginseng-Kuren zu therapieren. Einem Virus wie Ebola wäre das Land nicht gewachsen. Eine reale Gefahr besteht trotz alledem nicht. China, das Nachbarland, aus dem die meisten einreisen, hat noch keinen einzigen Ebola-Fall vermeldet.

Zum letzten Mal hatte Nordkorea vor elf Jahren seine Grenze verrammelt, als die Lungenseuche Sars in China und Hongkong Hunderte Opfer forderte - im Unterschied zu heute bestand damals allerdings ein erheblich größeres Risiko, dass sich das Virus auch in Nordkorea ausbreitet. Aus nordkoreanischer Sicht war die Abschottung 2003 ein Erfolg, Sars griff nicht auf Nordkorea über. Auch damals wurden Einreisende kaserniert, jedoch recht schlampig. Jeder, der ins Land kam, wurde für zehn Tage in ein Hotel gesperrt. Das Problem: Es gab damals keine strikte Trennung der Festgehaltenen. Gerade erst Eingereiste trafen hier auf Ausländer, die bereits mehrere Tage in Quarantäne verbracht hatten. Die Gefahr einer Neuansteckung im Hotel hatte offenbar niemand bedacht.

Auch Familienbesuche vorläufig untersagt

Sind es vielleicht innenpolitische Probleme, die das Regime verschleiern möchte? Diskutiert wird diese Frage zumindest unter Nordkorea-Fachleuten. Auffällig ist, dass auch Reisen im Inland, vor allem nach Pjöngjang, seit einigen Tagen noch schwieriger geworden sind als ohnehin schon. Nordkoreaner, die von einer Provinz in die andere fahren möchten, brauchen spezielle Reisegenehmigungen, um an den zahlreichen Checkpoints durchgelassen zu werden oder um einen Zug zu besteigen. Wegen der Ebola-Angst werden diese Genehmigungen noch seltener ausgestellt. Nur Parteikader dürfen derzeit in die Hauptstadt fahren, heißt es. Geschäftsreisen oder Familienbesuche sind komplett untersagt. Und selbst die Kader müssen inzwischen per Gesundheitszertifikat nachweisen, dass sie ebolafrei sind.

Unbekanntes Land, ganz nah

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An diesem Wochenende waren es vor allem Chinesen, die mit der nordkoreanischen Staatslinie Air Koryo von Pjöngjang nach Peking flogen. Aber auch eine Jugend-Fußballmannschaft des Armeesportklubs "25. April" ging an Bord. Vor der Abreise schüttelte ein hoher Offizier jedem Einzelnen noch einmal die Hand, dann reisten sie aus - nach China. Wenn sie zurückkommen, müssen wohl auch sie in die Isolation.

Interessant wird es in den kommenden Tagen. Kim Yong Nam, der Vorsitzende des Präsidiums der Obersten Volksversammlung und damit das protokollarische Staatsoberhaupt, kehrt von einer Afrika-Reise zurück. Wird auch der 86-Jährige für drei Wochen von der Bühne verschwinden und in Quarantäne gesteckt?

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