SZ-Korrespondent Tomas Avenarius war im Nordirak unterwegs. Er erklärt, warum die Türkei die PKK-Rebellen nicht vollständig ausschalten kann - und wieso Ankara beim Gipfel mit den USA nur gewinnen kann.

Tomas Avenarius ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Kairo. Im Sommer bereiste er die irakisch-türkische Genzregion und sprach dort auch mit Kämpfern der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Seine Eindrücke hat er in der Reportage "Kleine Truppe mit zu viel Sprengkraft" geschildert.

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PKK-Kämpfer im irakisch-türkischen Grenzgebiet (© Foto: AFP)

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sueddeutsche.de: Kann die türkische Armee substanziell etwas gegen die PKK auf militärischem Wege erreichen?

Tomas Avenarius: Voraussichtlich nicht. Die etwa 3000 Kämpfer der PKK halten sich in der Bergregion im Grenzgebiet zwischen der Türkei, Irak und Iran versteckt. Dieses Terrain ist ausgedehnt und sehr unwegsam.

Türkische Luftangriffe haben nur begrenzte Aussicht auf Erfolg, größere Truppenbewegungen sind schwierig, zumal im anbrechenden Winter. Selbst mit Helikoptern ist es schwierig, die PKK dort zu bekämpfen.

Vollständig ausschalten kann die türkische Armee die Rebellengruppe also nicht. Sie kann aber die großen PKK-Lager zerstören, deren Lage bestens bekannt ist. Sie kann den PKK-Kämpfern auch spürbare Verluste zufügen und sie vor allem durch fortgesetzte Angriffe zwingen, ihren Aufenthaltsort dauernd zu wechseln.

Vor allem könnte sie mit der Errichtung einer Pufferzone an der türkisch-irakischen Grenze erreichen, dass die Untergrundkämpfer nicht mehr so leicht in die Türkei einsickern und dort Anschläge verüben oder Militärkolonnen angreifen können. Dies könnten die türkischen Regierung und die Militärführung dann als Erfolg verkaufen.

Wirklich vertrieben werden könnte die PKK nur mit Hilfe der irakischen Kurden. Die kennen das Terrain ebenso gut wie die PKK-Kämpfer und sie beherrschen dieselbe Art der Guerilla-Kriegsführung aus der Zeit ihrer Kämpfe gegen Saddam Husseins Armee.

sueddeutsche.de: Sie haben vor kurzem die türkisch-irakische Krisenregion bereist und dabei auch PKK-Leute getroffen. Wie ist die Stimmung unter den Kämpfern?

Avenarius: Die PKK-Kämpfer wissen, dass sie in den irakischen Bergen vorerst noch relativ sicher sind. Sie sind zudem - das ist lange bekannt - durch jahrelange politische Indoktrination auf der Basis der PKK-Ideologie und durch das oft brutale Vorgehen der türkischen Armee gegen die Kurden in der Türkei hochmotiviert. Die Kaderorganisation der PKK ist überaus effektiv, die militärische Disziplin der Kämpfer hoch.

Die PKK kämpft zudem mit dem Rücken zur Wand. Sicher wäre ein Teil der Kämpfer trotz aller Indoktrination nach den langen Jahren und Entbehrungen im Untergrund wohl auch bereit, die Waffen niederzulegen. Solange den Rebellen aber kein glaubwürdiges Amnestieangebot von Ankara gemacht wird und die PKK-Kämpfer unbehelligt nach Hause in die Türkei zurückkehren können, werden sie dies kaum tun.

sueddeutsche.de: Die Amerikaner fürchten den türkischen Einmarsch in den Nordirak, der bislang noch der friedlichste Teil des Zweistromlandes ist. Deshalb steht nun ein Treffen der Türkei mit den Vereinigten Staaten an. Welche Ergebnisse sind zu erwarten?

Avenarius: Der Gipfel könnte eine Zusage der USA bringen, militärisch gegen die PKK vorzugehen. Dass dies das PKK-Problem lösen wird, ist aber unwahrscheinlich - hier hat die US-Armee keine wesentlich besseren Chancen als die türkische Armee.

Die Türkei würde ein US-Vorgehen gegen die PKK aber politisch als zusätzliche Legitimation im Kampf gegen den kurdischen Separatismus präsentieren: Der Kampf gegen die PKK wäre dann Teil des US-"Kriegs gegen den Terror".

Die irakische Zentralregierung in Bagdad selbst kann nicht viel bieten: Sie hat keine funktionierende Armee und das Sagen im Nordirak haben ohnehin die irakischen Kurden.

Die irakischen Kurden wiederum könnten zusammen mit den US-Truppen gegen die PKK vorgehen. Sie würde sich aber dem Vorwurf aussetzen, die grenzübergreifende kurdische Sache "verraten" zu haben. Sie werden also den USA den Schwarzen Peter zuspielen.

Nutznießer des Gipfels wird am Ende alleine die Türkei sein, die sowohl den Irak als auch die USA mit der angedrohten Invasion seit Monaten unter Druck setzt und nun auch noch diplomatische Zusagen bekommen wird: ohne von der Invasionsdrohung abrücken zu müssen.

Die Fragen stellte Oliver Das Gupta.

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(sueddeutsche.de/odg/mako)