Drogenbaron Joaquín Guzmán Warum "El Chapo" die US-Justiz fürchtet

Joaquín "El Chapo" Guzmán, der mächtigste Drogenbaron der Welt, wird in Mexiko verehrt, gefürchtet und geschützt. Es ist bezeichnend, dass womöglich US-Schauspieler Sean Penn die Verfolger auf Guzmáns Spur brachte.

Kommentar von Peter Burghardt

Mexikos Gefängnisse sind kein Problem für den berühmtesten Drogenbaron der Welt. Das hat Joaquín "El Chapo" Guzmán bewiesen. 2001 verschwand der Chef des Sinaloa-Kartells aus der angeblich zweitsichersten Haftanlage des Landes, Puente Grande - laut einer Version in einem Wäschewagen, laut anderen Schilderungen spazierte er nach draußen. Im Juli 2015 floh Guzmán 17 Monate nach seiner zweiten Festnahme durch einen Tunnel aus der vermeintlichen sichersten Einrichtung der Nation, Altiplano bei Mexiko-Stadt. Nach seiner dritten Verhaftung heißt es nun wieder, dass es für Männer wie ihn zu Lebzeiten nur eine zuverlässige Verwahrung gebe: in den USA.

Die Debatte um Auslieferungen begleitet das organisierte Verbrechen in Lateinamerika seit Jahrzehnten. "Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den Vereinigten Staaten", war einst das Motto des kolumbianischen Kokainkönigs Pablo Escobar und seiner Kumpanen. Nichts fürchten die Bosse aus dem Süden mehr als die Justiz im Norden.

Mit ihrer Heimat machen solche Kriminellen, was sie wollen, die Geschäfte gehen auch hinter Gittern weiter. Der Kolumbianer Escobar baute sich sogar sein eigenes Gefängnis. 1993 schließlich wurde er auf einem Dach von Medellín erschossen. Aber was tun mit seinem Nachfolger als Anführer der Branche, dem Mexikaner Guzmán?

Der größte Feind ist ihr Ego, der zweitgrößte sind die USA

Es ist bezeichnend, dass womöglich der US-Schauspieler Sean Penn und seine mexikanische Kollegin Kate del Castillo die Verfolger auf Guzmáns Spur brachten. Die Filmleute trafen den meistgesuchten Menschen der Erde vor Monaten in seinem Versteck - Militär, Polizei und Geheimdienste fanden ihn mit US-Hilfe offenbar erst jetzt. Die Kartelle verdienen so viel und sind dermaßen bewaffnet, dass sie Politiker, Polizisten, Soldaten und Richter kaufen, bedrohen, ermorden. Plata o Plomo - Geld oder Kugel? Vor allem in ihren Stammrevieren werden die Guzmáns und Escobars verehrt, gefürchtet und geschützt.

Ihr größter Feind ist ihr Ego. Ihr zweitgrößter Feind sind die USA. Im US-Gewahrsam schwindet der Einfluss der Legenden. Ohne den US-Markt allerdings wären Guzmán und Co. nie so reich und mächtig geworden: US-Amerikaner sind noch vor Europäern die treuesten Abnehmer von Pulver, Pillen und Kraut. Zurück kommen Milliarden Dollar und Arsenale von Waffen.

Die USA sind an der Drogenschlacht mitschuldig

Eine militärische Antidrogenpolitik hält Preise und Gewinne hoch. Und Güter und Geld werden weniger kontrolliert als Menschen. Das stärkt die Delinquenten. Was sie schwächt, ist universale Gerichtsbarkeit. Diesen juristischen Fortschritt spüren Diktatoren und auch Dealer, wobei die USA da durchaus selektiv vorgehen. Im Falle Guzmán sind die US-Klagen längst fertig. In Chicago gilt "El Chapo" wie ehemals Al Capone als "Staatsfeind Nummer eins", weil er die Stadt mit Rauschgift überflutet.

Etliche Mexikaner wurden in anderen Fällen bereits in die USA überstellt, dennoch ist die Sache heikel. Mexiko teilt eine lange Grenze samt Freihandelsabkommen mit seinem Nachbarn USA, der an der Drogenschlacht mitschuldig ist. Ein Industriestaat allerdings sollte seine Bürger selbst schützen und Täter selbst verurteilen können. Da versagen Mexiko und sein Präsident Enrique Peña Nieto skandalös. Die wenigsten Morde werden aufgeklärt, Tausende Mexikaner sind verschwunden. Auslieferungen missfallen vielen mexikanischen Mitschuldigen der Tragödie schon deshalb, weil die Täter oft mehr erzählen könnten, als US-Behörden erfahren sollen.

Nach Guzmáns letzter Festnahme verkündete Mexikos damaliger Generalstaatsanwalt, der Gefangene werde erst in die USA geschickt, wenn seine mexikanische Strafe abgesessen sei, "in 300 oder 400 Jahren". Diesmal müsste es wohl schneller gehen, ehe "El Chapo" wieder entwischt.