Frankreich geht gegen den Islamisten Ganczarski härter vor als Deutschland - dabei liegen keine neuen Beweise vor.
(SZ vom 13.06.2003) - Deutsche Sicherheitsbehörden haben mit Irritation auf die Erklärung des französischen Innenministers Nicolas Sarkozy reagiert, bei dem in Paris festgenommenen Deutschen Christian Ganczarski handele es sich um einen "hohen Verantwortlichen" der Terrorgruppe al-Qaida.
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"Wir haben keinen Beleg, dass Ganczarski ein hochrangiges Mitglied war" erklärte ein hoher deutscher Sicherheitsexperte. Er glaube auch nicht, "dass die Franzosen über bessere Informationen verfügen als wir". Sarkozy habe vor der Nationalversammlung "eine sehr vollmundige politische Erklärung" abgegeben.
21 Menschen starben bei Djerba-Attentat
Der Fall des zum Islam konvertierten Deutsch-Polen beschäftigt Ermittler in Karlsruhe und Paris. Kurz vor dem Attentat auf Djerba im April 2002 hatte der Attentäter Nizar Nawar den in Duisburg lebenden Ganczarski angerufen und um "Gottes Segen" gebeten. Beide hatten sich in Afghanistan kennen gelernt. Kurz danach verübte Nawar das Attentat, das 21 Menschen das Leben kostete.
Gegen Ganczarski wurde von der Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ganczarski wurde zwar vernommen, kam aber wieder frei. "Wir haben nichts, was Ganczarski näher an das Attentat in Djerba bringt," sagte ein Fahnder. Der Versuch der Bundesanwaltschaft, im Jahr 2003 einen Haftbefehl gegen Gancarski zu erreichen, scheiterte. Eine Ermittlungsrichterin lehnte ab.
Die Behandlung des Falls durch deutsche Behörden stieß in den USA und in Frankreich auf Unverständnis. Der leitende französische Terror-Ermittler Jean-Louis Bruguière hatte schon zuvor den deutschen Behörden vorgeworfen, nicht entschlossen genug gegen den Terror vorzugehen.
Große Nummer oder kleiner Fisch
Aus Sicht der USA war Ganczarski eine größere Nummer: In seinen Vernehmungen hatte er eingeräumt, in Afghanistan gewesen zu sein und Osama bin Laden getroffen zu haben. Er habe sich in den Lagern um Computer und Telekommunikation gekümmert.
Parallel zu den Deutschen ermittelte auch Paris wegen des Djerba-Attentats, weil dabei auch Franzosen gestorben sind. Im Rahmen von Rechtshilfeverfahren tauschten beide Seiten die Akten aus. Bruguière konferierte wegen des Falles kürzlich mit Vertretern des Bundesjustizministeriums und Terrorfahndern in Berlin.
Ganczarski hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Saudi-Arabien auf. Die Behörden in Riad hatten ihn festnehmen lassen, weil sein Pilgervisum abgelaufen war. Vor gut einer Woche wurde er abgeschoben. Die Saudis setzten ihn in eine Air-France -Maschine nach Paris. Bei seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt ließ Bruguière ihn festnehmen.
Die französischen Gesetze ermöglichen es dem Staat, härter gegen Verdächtige vorzugehen als in Deutschland. Bruguière ist im Fall Ganczarski Ermittler und Haftrichter zugleich. "Er kann anders gewichten als wir" sagt ein deutscher Kollege. Zudem ist in Frankreich die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung bereits seit 1996 strafbar, in Deutschland erst seit August vergangenen Jahres.
Möglicher Terroranschlag auf La Réunion
In der Nationalversammlung berichtete Sarkozy, dass ein weiterer in Deutschland lebender Islamist, der einst mit Ganczarski befreundete Marokkaner Karim Mehdi, der auch in Paris festgenommen worden ist, angeblich einen Terroranschlag auf der Ferieninsel La Réunion vorbereitet habe, angeblich sollte Ganczarski den Anschlag organisieren und finanzieren.
Der Deutsch-Pole bestreitet das. Angaben Mehdis führten zu Durchsuchungen in mehreren deutschen Städten. Die Hinweise haben sich nicht bestätigt. "Wenn die harten Sachen schon nicht stimmen," sagt ein deutscher Experte, "was ist dann mit den weichen?" Andererseits: "In Frankreich erwartet einen wie Ganczarski die Haft, in Deutschland die Sozialhilfe."
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