Diskussion um Missbrauchsskandal Die Kirche und der Pranger

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger drängt die Bischöfe zur Zusammenarbeit mit den Behörden. Eine Kabinettskollegin von der CDU distanziert sich von der FDP-Politikerin - und nimmt die katholische Kirche in Schutz.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erhöht den Druck auf die katholische Kirche. Die FDP-Politikerin pocht nach den zahlreichen Missbrauchsskandalen in katholischen Einrichtungen auf eine engere Zusammenarbeit der Kirche mit der Justiz.

In der Vergangenheit seien Staatsanwaltschaften in zu wenigen Fällen eingeschaltet worden, sagte die Ministerin in der ZDF-Sendung Maybrit Illner. "Das muss besser werden."

Die derzeit noch gültige Richtlinie der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2002 "zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche" müsse geändert werden.

In den Richtlinien gibt es keine Anzeigepflicht. Zur Zusammenarbeit mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden heißt es darin: "In erwiesenen Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger wird dem Verdächtigten zur Selbstanzeige geraten und ggf. das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft gesucht." Und weiter: "In erwiesenen Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger wird dem Verdächtigten - falls nicht bereits eine Anzeige vorliegt oder Verjährung eingetreten ist - zur Selbstanzeige geraten und je nach Sachlage die Staatsanwaltschaft informiert."

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder distanzierte sich dagegen indirekt von der Justizministerin. "Sexueller Missbrauch ist nicht nur ein Thema der Kirchen. Deshalb sollten wir sie auch nicht einseitig an den Pranger stellen. Probleme mit Kindesmissbrauch gibt es in unterschiedlichen Bereichen, etwa in Internaten, in Sportvereinen, aber auch in der Familie selbst", sagte Schröder der Financial Times Deutschland.

"Mein Ziel ist eine Selbstverpflichtung von Einrichtungen wie Schulen und Vereinen, wie sie sich in konkreten Missbrauchsfällen zu verhalten haben", sagte die Ministerin. Deswegen werde man mit Vertretern von Familienverbänden, Internatsträgern, beider großen Kirchen, der freien Wohlfahrtspflege und Ärzten über Konsequenzen aus den jüngsten Missbrauchsfällen reden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann zeigte sich verständigungsbereit. Ackermann war am 25. Februar von der Deutschen Bischofskonferenz zum Beauftragen für Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche ernannt worden.

Zollitsch berichtet Papst Benedikt XVI.

Er ließ allerdings erneut offen, ob die katholische Kirche dem Gesprächswunsch der Justizministerin nachkommen werde. Leutheusser-Schnarrenberger hatte den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, zu einem Treffen am 25. März eingeladen.

Dabei soll der Streit um die ihrer Meinung nach mangelhafte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seitens der Kirche beigelegt werden. Die Bischofskonferenz reagierte "überrascht", wie Sprecher Matthias Kopp sagte. Man habe über die Medien von der Einladung erfahren. Zollitsch sei an dem Tag verhindert.

Dagegen war die Teilnahme an einem "Runden Tisch" zum Thema sexueller Missbrauch, zu dem Familienministerin Schröder und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) für den 23. April eingeladen haben, zugesagt worden. Dort soll das Thema nach Schröders Worten umfassender behandelt werden.

Benedikt XVI. empfängt Zollitsch an diesem Freitag. Der Bischof soll dem Papst Bericht über die Missbrauchsfälle in Deutschland erstatten.