Diskriminierung Wissenschaftler kritisieren Zuspitzung der Sinti-und-Roma-Studie

  • Die Wissenschaftler einer Sinti-und-Roma-Studie distanzieren sich von der Interpretation der Ergebnisse durch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), wie der Spiegel berichtet.
  • So wurden zum Beispiel Skalen-Werte von der ADS anders interpretiert, was zu einer Zuspitzung der Ergebnisse führt.

Forscher distanzieren sich von Minderheiten-Studie

"Jeder dritte Deutsche lehnt Sinti und Roma als Nachbarn ab." So beginnt die Pressemitteilung, mit der die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) auf eine Studie zur "Bevölkerungseinstellung zu Sinti und Roma" aufmerksam macht. Die Befunde seien "dramatisch", so die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Entsprechend breit berichteten die Medien über die Studie und die Handlungsempfehlungen, die die ADS und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma daraus ableiteten - auch Süddeutsche.de und die Süddeutsche Zeitung.

Doch nun stehen Lüders und ihre Antidiskriminierungsstelle in der Kritik. Mehrere Forscher, die im Auftrag der ADS die Studie erstellt haben, wollen die Interpretation der Ergebnisse so nicht teilen, wie der Spiegel berichtet.

Während sich die Wissenschaftler beispielsweise bewusst dazu entschieden hatten, bei den einzelnen Fragen nur die obersten zwei von sieben Skalenwerten als Ablehnung zu werten, rechnete die Behörde einen weiteren Skalenwert hinzu, um auf höhere Werte zu kommen. Außerdem stammt das Vorwort nicht von den Forschern, sondern von den Auftraggebern. Die Forscher hätten deshalb vorab darum gebeten, alle darin enthaltenen Bezüge auf sich zu entfernen.

"Das Schwierige an Auftragsstudien ist, dass die Politik gern eindeutige Ergebnisse hat, was die Wissenschaft oft nicht liefern kann", zitiert das Magazin Wolfgang Benz, den Projektleiter vom Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung.

Politische Zuspitzung der Studienergebnisse

Tatsächlich wird bei einem detaillierten Blick in die Studie deutlich, dass die Antidiskriminierungsstelle die Forschungsergebnisse deutlich zugespitzt hat.

Die Forscher haben sich bewusst dazu entschieden, bei der Befragung von Bürgern zu ihrer Einstellung gegenüber der Gruppe der Sinti und Roma und anderen Minderheiten eine 7-stufige Skala zu nutzen. So sollte es möglich sein, "stärker abgestufte Antworten zu erhalten". Auch sollten den Teilnehmern Antwortoptionen offenstehen, die ausdrücken, dass "sich eine Aussage nicht verallgemeinern" lässt oder dem Befragten "egal" ist. Die Forscher unterteilen die 7er-Skala so, dass Antwortmöglichkeit 1 und 2 für Zustimmung, 6 und 7 für Ablehnung und 3 bis 5 für ein "mittleres Lager mit einer wenig konturierten Einstellung" stehen.

Bei der Frage "Wie angenehm oder unangenehm wären Ihnen Sinti oder Roma in Ihrer Nachbarschaft?" entfallen in der Studie 20,4 Prozent der Antworten auf die Kategorien 6 und 7, nach Interpretation der Forscher lehnt also jeder fünfte Deutsche Sinti und Roma in der Nachbarschaft ab. Das ist natürlich ebenfalls bedenklich - allerdings deutlich weniger "dramatisch" als "jeder Dritter", wie die ADS plakativ über die Studie schrieb.

Die Antidiskriminierungsstelle zählt anders als die Forscher die Antwortkategorie 5 mit - und kommt so auf 31,3 Prozent der Antworten. Wendet man diese Logik allerdings entsprechend auf die positiven Antwortmöglichkeiten an, kommt man auf 32 Prozent der Befragten, denen Sinti und Roma als Nachbarn explizit angenehm wären. Bleiben noch 36,4 Prozent befragte Studienteilnehmer, denen dies schlicht egal wäre oder die dies nur im konkreten Fall beurteilen könnten. Ein Kontext, der ein deutlich gemäßigteres Bild vermittelt.

Stellungnahme der Antidiskriminierungsstelle

Die Antidiskriminierungsstelle weist die Vorwürfe zurück, ihre Interpretation der allesamt auch veröffentlichten Zahlen sei legitim, es seien nie negative Ergebnisse gewünscht gewesen. "Unsere Aufgabe ist nicht zu schauen, wo läuft es gut, sondern, wo sich etwas verbessern lässt", sagte der Pressesprecher von ADS-Chefin Lüders dem Spiegel.