Diskriminierte Minderheit Jenische - das vergessene Volk

Jahrhundertelang fuhren die Jenischen durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und angrenzende Länder.

(Foto: privat)

Jahrhundertelang wurde das fahrende Volk der Jenischen in Europa diskriminiert. Bis heute ist es den Deutschen nicht recht geheuer - oder unbekannt. Ein Mann aus Baden will das ändern.

Von Josef Kelnberger, Singen am Hohentwiel

Alexander Flügler war in seiner Jugend ein ziemlich guter Boxer. Inzwischen ist der kleine Mann 59 Jahre alt, aber er wirkt noch immer drahtig und unerschrocken. Flügler trägt ein Menjoubärtchen, ein Goldkettchen im offenen Kragen, auf dem Kopf ein Käppi mit der Aufschrift "Topclean". So heißt seine Reinigungsfirma mit hundert Angestellten.

Er empfängt den Gast vor seinem Haus in Singen am Hohentwiel, das er mit seiner Familie bewohnt. Ein schmuckes Anwesen mit Garten. Mehrmals wird Flügler versichern, er sei "kreditwürdig". Das klingt, als müsste er sich für sein Haus rechtfertigen - die Geschichte lässt sich eben nicht so einfach abschütteln, wenn man ein Jenischer ist und die Kindheit in Baracken verbracht hat.

Was die Bore schuckt

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"Dreckszigeuner", "Gesindel". Flügler hat sein Leben lang solche Beleidigungen gehört. Die Jenischen, eine Minderheit aus dem Fahrenden Volk, sind den Deutschen bis heute nicht recht geheuer. Deshalb will Flügler sein schmuckes Haus verlassen und in eine Art Museum ziehen. Für ihn würde damit ein Lebenstraum in Erfüllung gehen.

Eine Kultur- und Begegnungsstätte der Jenischen samt Mustersiedlung soll in Singen entstehen, die erste in Deutschland, seit vielen Jahren kämpft Flügler dafür. Er will dort mit seiner Familie wohnen und aller Welt zeigen, dass die Jenischen und ihre Kultur zu Deutschland gehören. "Dass wir keine minderwertigen Menschen sind", wie er sagt.

Seit Jahren verfolgt Alexander Flügler dieses Projekt unter Einsatz von viel Energie und Geld. Sein Haus in der Mustersiedlung würde er selbst finanzieren. Aber er braucht für das Projekt die Hilfe der Stadt. Aus seiner Sicht entscheidet sich bei all dem, ob ihn die deutsche Mehrheitsgesellschaft für kreditwürdig hält. Ihn selbst, aber auch die Minderheit der Jenischen.

Schon immer hatten die Jenischen Mühe, ihre Identität zu behaupten. Vermutlich sind sie in der Frühen Neuzeit als Minderheit hervorgegangen aus der sesshaften Unterschicht; Diskriminierung, Krieg, Armut, Hungersnöte trieben die Menschen auf die Wanderschaft. Die Jenischen gehören nicht zu den Sinti und Roma. "Eine transnationale europäische Minderheit" nennt man sie korrekterweise.

Bekannt sind jenische Gruppen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Benelux-Staaten, Frankreich und Italien. Verlässliche Zahlen gibt es kaum, in Deutschland sollen um die hunderttausend leben. Sprachwissenschaftler vermuten, dass an etwa hundert Orten in Deutschland noch Jenisch gesprochen wird. Die wenigsten Jenischen sind allerdings noch auf Achse als Schrotthändler, Scherenschleifer, Bürstenmacher, Kesselflicker, Hausierer, Zirkusleute, Schausteller.

Jenische Wörter wie etwa "Kauderwelsch" sind ins Deutsche übernommen worden

Auch die jenische Sprache droht auszusterben. Sie speist sich aus verschiedenen Quellen, hat sich im Lauf der Jahrhunderte stetig gewandelt und unterscheidet sich von Region zu Region. Seit dem Mittelalter ist sie Quell des Misstrauens zwischen den Jenischen und der Mehrheitsgesellschaft. Der Begriff "Jenisch" wurde vermutlich abgeleitet aus dem indischen Sanskrit. "Janosch", so hieß der Weisheitsgott. Man nannte die Sprache auch "Rotwelsch", "Kauderwelsch", "Gaunersprache" oder auch, dem Jiddischen entlehnt: "Chochemer Loschen". Verschlagene Sprache.

"Chochemer Loschen" ist das im Jahr 1833 erschienene "Wörterbuch der Gauner- und Diebs- vulgo Jenischen Sprache" betitelt, zusammengestellt "nach Kriminalacten und den vorzüglichen Hülfsquellen für Justiz-, Polizei- und Mauthbeamte, Kandidaten der Rechte, Gendarmerie, Landgerichtsdiener und Gemeindevorsteher". Das Jenische wird darin definiert als Sprachgemisch aus "gemeinen oberteutschen, jüdischteutschen, selbstgemachten, verdrehten und verstümmelten Worten", verwendet von "europäischen Zigeunern, Dieben, Bettlern, Gaunerjuden".

Der Staat versuchte, das Jenische zu enttarnen, um den angeblichen Gaunern auf die Spur zu kommen. Die Jenischen ihrerseits ersetzten alte Begriffe durch neue oder verkehrten die Bedeutung ins Gegenteil, um sich vor dem Staat zu schützen. Und doch hat das Jenische Einzug gehalten in die Sprache. Wer keinen Bock auf Malochen hat, wer lieber blaumacht, um Klamotten zu kaufen und sich schnieke in Schale zu werfen - der lebt auch nach ursprünglich jenischen Wörtern.

Aussagen über die jenische Geschichte zu treffen ist ein gewagtes Unterfangen. Zu jeder Meinung gibt es eine leidenschaftlich vertretene Gegenmeinung. Eine systematische Geschichtsschreibung existiert nicht. Die Verschriftlichung ihrer Kultur hätte nicht der Lebensweise der Jenischen entsprochen und auch nicht ihrem Versuch, sich staatlichem Zugriff zu entziehen. Wer jenische Geschichte verstehen will, hält sich am besten an einzelne Personen. Zum Beispiel an den Österreicher Romedius Mungenast.

In der Schweiz wurden bis in die 70er-Jahre jenischen Familien die Kinder weggenommen.

(Foto: Keystone Schweiz/laif)

Mungenast arbeitete in Innsbruck bei der Österreichischen Bundesbahn als Rangierarbeiter. Nachts sammelte er in abgestellten Zügen die liegen gelassenen Zeitungen ein; Artikel über die Jenischen riss er heraus. So verwandelte sich seine Wohnung Wort für Wort in ein Dokumentationszentrum der jenischen Kultur. Mungenast wurde zum Geschichtenschreiber, zum Geschichtsschreiber, zum Sprachkundler, Dichter. 2004 ernannte ihn der Bundespräsident zum "Professor".

Mungenast, 2006 im Alter von 52 Jahren an Krebs gestorben, verstand das Jenische als "Reichtum für alle". Zum Beispiel sein Lieblingswort: "weitschmusen", ein Synonym für telefonieren. Müsste man es nicht unbedingt ins Deutsche übernehmen? Liebling, lass uns heute Abend weitschmusen!

Mungenast schrieb auch Gedichte, schreiben konnte er aber nur, wenn es regnete. An einem Regentag also schrieb er:

"S' Lowe isch dein Parodebl, Gadschi,

schinagln . . . schinagln bis pegersch.

Geld und Besitz sind dein Gott, Sesshafter, und arbeiten . .. arbeiten bis zum Tod.

In der Schweiz verkörpert der Basler Venanz Nobel die Geschichte der Jenischen. Ein Journalist, Historiker, Kaufmann, Buchhalter, Scherenschleifer, Antiquitätenhändler, Altmetallhändler und vieles mehr. Jeder Jenische habe mindestens zwanzig Berufe, sagt Nobel. Sein Interesse an Geschichte rührt vom Schicksal des Vaters her.