Mehrheit ist also nicht unbedingt gleichzusetzen mit Wahrheit, Richtigkeit und Verfassungsmäßigkeit. Das gilt im Parlament - das gilt auch für das Plebiszit. Eine Mehrheit beim Plebiszit hat keine höhere Dignität als eine Mehrheit im Parlament. Und ein Land ist gewiss keine beispielhafte Demokratie, wenn es per Plebiszit Menschen- und Freiheitsrechte missachtet. Es ist ein Beispiel für missverstandene, für statistische Demokratie.
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Demokratie und Rechtsstaat sind Partner
Auch plebiszitäre Demokratie braucht ein Korrektiv, ein Kontrollorgan: ein Verfassungsgericht. Die Schweiz hat keines. Es fungiert der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg de facto als Verfassungsgericht.
Ein Plebiszit kann etwas Gutes sein, weil es die Bürger aufweckt, wenn es sie zum Mitmachen anregt; aber das Plebiszit ist nicht per se gut. Wenn eine Mehrheit der Bürger die Todesstrafe gutheißt, besagt das gewiss nicht, dass die Todesstrafe auch richtig ist. Und es wäre absurd zu unterstellen, dass bestimmte Menschen Rechte nur dann haben, wenn auch die Mehrheit dieser Ansicht ist.
Dann hätten Beschuldigte in spektakulären Strafverfahren, dann hätten Minderheiten bald nicht mehr viele Rechte; die Unschuldsvermutung hätte wohl nicht mehr lange Bestand, und der Rassismus hätte Oberwasser. In einer Demokratie, die Recht und Verfassung missachtet, herrscht nicht der Demos, sondern die Willkür wechselnder Mehrheiten.
In einer echten Demokratie regiert das Volk nicht statistisch, sondern gemeinschaftlich. Eine Demokratie, die mehr sein will als eine statistische Entität, braucht also stützende Institutionen und Hintergrundvoraussetzungen, welche die demokratischen Grundhaltungen festigen.
Man muss die Demokratie nicht vor der Verfassung retten, sondern man muss sie mit der Verfassung hegen und pflegen. Demokratie und Rechtsstaat sind Partner.
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(SZ vom 07.12.2009/afis)
Stockender Kita-Ausbau
Besser toleranter für Alle! Alles Andere verbietet der Anstand!
Egal, ob für oder gegen Minarette. Aber man möchte die Diskussion darüber lieber dazu verwenden, die demokratische Macht des Volkes ausschalten. Siehe auch EU-Abstimmungen.
Übrigens: Die Bevölkerungen kennen teilweise nicht einmal die Länder, in denen die Politiker in der Menschheitsgeschichte schon kriminelle Kriege und kriminelle Umstürze verschuldet haben. Und häufige Mittel der Politiker: schwerste Verhetzung des Volkes oder brutales Drüberfahren über das Volk.
Das Letztere führe ich deshalb an, weil garantiert wieder das Argument kommt, man dürfe das Volk nicht in wichtigen Dingen entscheiden lassen.
Leider habe ich Ihren Diskussionsbeitrag vom 07.12. um 13:23 Uhr erst jetzt entdeckt. Die beiden Abstimmungen sind sehr wohl vergleichbar: in beiden Fällen geht es darum, dass sich eine Mehrheit zu viel des öffentlichen Raumes nimmt. Sie scheinen das auch zu spüren, denn beim Lesen Ihrer Zeilen schnaubt einem die Wut ja förmlich entgegen.
Mir scheint viel eher, Hr. Prantl hat mit seinem Artikel genau auf den wunden Punkt getroffen und sie wollen die Analogie nur nicht sehen: Es geht in beiden Fällen darum, dass eine Mehrheit eine Minderheit bevormundet. Die Mehrheit gibt vor, Minarette seien nicht nötig für die Ausübung der Religion und die Mehrheit gibt vor, Raucher können doch auch vor die Tür gehen. Was wenn die Minderheit aber ein Minarett an ihrer Moschee haben möchte und was wenn der Raucher nun mal die Zigarette zum Kaffee oder zum Glas Bier drinnen genießen möchte? In beiden Fällen musste es eine 100%-Lösung sein, wo man doch mit 80% sehr gut hätten leben können. Hr. Prantl hat Ihnen den Spiegel vorgehalten und das Bild, das Sie sehen, gefällt Ihnen anscheinend nicht.
Es steht der Mehrheit nicht zu, darüber zu urteilen, was Toleranz ist. Dieses Privileg gebührt der Minderheit.
Der Spruch ist wahrscheinlich zu 99 % nicht in meinem Sinne zitiert worden, aber er hat was: "Der Mensch is gut, aber die Leut san a Gsind'l."
Religion ist das Opium des Volkes... sie ist der Seufzer der bedrängten Kreatur. (Marx)
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