Es geht wieder ein Gespenst um in Europa: die direkte Demokratie. Die einen sehen in Plebisziten "mehr Demokratie", die anderen eine Gefahr für den Rechtsstaat. Beide haben recht.
Es geht schon wieder ein Gespenst um in Europa; es ist ein besonders unkalkulierbares Gespenst, es hat vielerlei Gestalten und Absichten.
In Amsteg in der Schweiz bedankt sich die Schweizerische Volkspartei bei den Bürgern für das gewonnene Referendum gegen Minarette. (© Foto: dpa)
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In Bayern ist es ein wirtshausstürmendes Gespenst: Es ärgert die CSU, treibt die Raucher auf die Straße und bläst den Qualm aus Kneipen und Schankstuben. In Irland singt das Gespenst die Nationalhymne, es zerknüllt mit großer Geste den EU-Vertrag, wirft ihn in den Papierkorb, bleibt aber wankelmütig: Nach einiger Zeit holt es ihn wieder heraus und streicht ihn sorgsam glatt.
In der Schweiz führt sich das Gespenst auf wie der biblische Samson, der einst blindwütig den Tempel der Philister zum Einsturz brachte. Es wirft Minarette um; es ist ein religionsfreiheitsfeindliches Gespenst. Der Aktionsradius des Gespenstes reicht also von den Minaretten bis zu den Zigaretten.
Das neue Gespenst ist mal links und mal rechts
Das neue Gespenst ist nicht so leicht einzuordnen wie einst das Gespenst des Kommunismus. Das war damals links, es war proletarisch, und es wollte den Kapitalismus stürzen. Das neue Gespenst aber ist mal links und mal rechts, es ist einmal konstruktiv und ein andermal destruktiv, es ist abwechselnd progressiv, konservativ oder gar reaktionär.
Manchmal ist es ein guter Hirte, kümmert sich um neue Kindergärten und Umgehungsstraßen und um den Umweltschutz; es schreibt ihn, so einst in der Schweiz, mit Sorgfalt und großen Buchstaben in die Verfassung. Ein andermal aber rüttelt es an den Grundfesten dieser Verfassung, weil es im Namen der Mehrheit eine Minderheit kujoniert und sie der Rechte beraubt, die diese braucht, um als Minderheit in der Mehrheit zu leben. In einem solchen Fall macht das Gespenst, angeblich im Namen der Demokratie, den Rechtsstaat zuschanden.
Das neue Gespenst in Europa heißt direkte Demokratie. Manche nennen es Plebiszit, Volksabstimmung, Volksbegehren und Volksentscheid. Die einen sehen darin "mehr Demokratie", die anderen eine Gefahr für den Rechtsstaat. Und das ist das Gespenstische an dem neuen Gespenst: Beide haben recht. Das Plebiszit kann, wohldosiert und sorgsam angewendet, so etwas sein wie die Erfüllung der Demokratie. Das Plebiszit kann die Demokratie aber auch zerstören, wenn es die individuellen Bürger- und Menschenrechte missachtet.
Das Plebiszit kann also etwas Wunderbares sein, wenn es ein Ausdruck einer kollektiven Verantwortung für das Gemeinwesen ist, einer Verantwortung, die sich nicht darauf beschränkt, alle paar Jahre ein Parlament zu wählen. Das Plebiszit kann aber auch etwas Furchtbares sein, wenn sich darin nur die Egoismen addieren und Vorurteile gegenüber Minderheiten verfestigen.
Demokratie ist mehr als blanke Statistik, mehr als eine Abstimmungsprozedur; sie ist eine Wertegemeinschaft. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder achtet und schützt. Demokratische Entscheidungen sind nicht automatisch rechtsstaatliche Entscheidungen, sie stehen nicht - kraft Mehrheit - automatisch auf dem Boden der Verfassung.
Das weiß jeder, der in den vergangenen Jahren in Deutschland die Gesetzgebung auf dem Gebiet der inneren Sicherheit verfolgt hat: Die Gesetze wurden mit verfassungsändernder Mehrheit beschlossen - und trotzdem dann vom Bundesverfassungsgericht korrigiert oder aufgehoben, weil sie mit den Grundrechten kollidierten.
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Egal, ob für oder gegen Minarette. Aber man möchte die Diskussion darüber lieber dazu verwenden, die demokratische Macht des Volkes ausschalten. Siehe auch EU-Abstimmungen.
Übrigens: Die Bevölkerungen kennen teilweise nicht einmal die Länder, in denen die Politiker in der Menschheitsgeschichte schon kriminelle Kriege und kriminelle Umstürze verschuldet haben. Und häufige Mittel der Politiker: schwerste Verhetzung des Volkes oder brutales Drüberfahren über das Volk.
Das Letztere führe ich deshalb an, weil garantiert wieder das Argument kommt, man dürfe das Volk nicht in wichtigen Dingen entscheiden lassen.
Leider habe ich Ihren Diskussionsbeitrag vom 07.12. um 13:23 Uhr erst jetzt entdeckt. Die beiden Abstimmungen sind sehr wohl vergleichbar: in beiden Fällen geht es darum, dass sich eine Mehrheit zu viel des öffentlichen Raumes nimmt. Sie scheinen das auch zu spüren, denn beim Lesen Ihrer Zeilen schnaubt einem die Wut ja förmlich entgegen.
Mir scheint viel eher, Hr. Prantl hat mit seinem Artikel genau auf den wunden Punkt getroffen und sie wollen die Analogie nur nicht sehen: Es geht in beiden Fällen darum, dass eine Mehrheit eine Minderheit bevormundet. Die Mehrheit gibt vor, Minarette seien nicht nötig für die Ausübung der Religion und die Mehrheit gibt vor, Raucher können doch auch vor die Tür gehen. Was wenn die Minderheit aber ein Minarett an ihrer Moschee haben möchte und was wenn der Raucher nun mal die Zigarette zum Kaffee oder zum Glas Bier drinnen genießen möchte? In beiden Fällen musste es eine 100%-Lösung sein, wo man doch mit 80% sehr gut hätten leben können. Hr. Prantl hat Ihnen den Spiegel vorgehalten und das Bild, das Sie sehen, gefällt Ihnen anscheinend nicht.
Es steht der Mehrheit nicht zu, darüber zu urteilen, was Toleranz ist. Dieses Privileg gebührt der Minderheit.
Der Spruch ist wahrscheinlich zu 99 % nicht in meinem Sinne zitiert worden, aber er hat was: "Der Mensch is gut, aber die Leut san a Gsind'l."
Religion ist das Opium des Volkes... sie ist der Seufzer der bedrängten Kreatur. (Marx)
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