Diplomatie Zeremonie auf dem Aventin

Deutschland nimmt formell diplomatische Beziehungen zum Malteserorden auf - um die Zusammenarbeit zu stärken, sagt der Bundesaußenminister. Dabei ist der Orden kein Staat im herkömmlichen Sinne.

Von Oliver Meiler, Rom

In der Villa Magistrale, einem Anwesen auf dem Aventin über Rom, haben am Mittwoch zwei langjährige, immer schon freundschaftlich verbundene Partnerstaaten ihre Nähe feierlich formalisiert. Deutschland und der Souveräne Malteserorden mit Regierungssitz in Rom unterhalten nun diplomatische Beziehungen, mit allem drum und dran. Die Urkunden sind ausgetauscht, die Formalitäten geregelt. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel war angereist. Sein Kollege und Großkanzler des Malteserordens, der Deutsche Albrecht Freiherr von Boeselager, empfing ihn im zweiten Stock der Villa, unter Kassettendecke und großem Kronleuchter.

Der Malteserorden ist kein Staat im herkömmlichen Sinn, aber er unterhält ständige Vertretungen

Der Anlass war bemerkenswert, vielleicht auch ein bisschen kurios. Normalerweise ist es so, dass zwei Staaten dann diplomatische Beziehungen aufnehmen, wenn wenigstens einer der beiden gerade neu gegründet wurde. Das passiert nicht allzu oft. Den Malteserorden aber, der mit vollem Namen "Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta" heißt, gibt es seit Jahrhunderten. Er ist auch kein Staat im herkömmlichen Sinn. Er prägt zwar Münzen und stellt Reisepässe aus. Doch seit Napoleon den Orden aus Malta vertrieben hat, verfügt er weder über ein Volk noch ein Land - sieht man mal von einem Palazzo an der Via dei Condotti und von dieser Villa auf dem Aventin ab, beide extraterritorial.

Völkerrechtlich ist der Souveräne Orden also ein eigenartiges Subjekt - und ein Unikat. Um ihre Arbeit zu erleichtern, die sie vor allem in Krisengebiete und arme Länder führt, hat die humanitäre Organisation in vielen der 120 Staaten, in denen sie aktiv ist, ständige Vertretungen eröffnet. Die Malteser gelten als unabhängig und neutral, obschon sie als katholische Laiengemeinschaft natürlich einen direkten, wenn auch in jüngerer Vergangenheit nicht immer störungsfreien Draht zum Vatikan haben. Ihre Helfer dürfen oft auch in Länder reisen, die anderen Organisationen und Staaten verschlossen bleiben. Nachdem Myanmar im Mai 2008 von einem Wirbelsturm heimgesucht worden war, gehörten die Malteser zu den Ersten vor Ort. Andere Helfer ließen die Generäle, die das Land damals noch vom Rest der Welt abschotteten, nicht einreisen.

Aktuelles Lexikon: Malteser

Manche Institutionen sind einem so vertraut, dass man denkt, sie hätten immer existiert. Beim "Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta", abgekürzt Malteserorden oder einfach "die Malteser", stimmt das ja auch, fast. Seit 1048 gibt es die katholische Ordensgemeinschaft, gegründet als Ritter- und Hospizorden. Man erkennt ihre Werke am Wappen: einem weißen, achtzackigen Kreuz auf rotem Grund. Es steht heute für Rettungsdienste, Kranken- und Altenpflege, Flüchtlingshilfe. Der Laienorden zählt 15 000 Mitglieder, sogenannte Ritter und Damen. 100 000 Freiwillige helfen weltweit, etwa als Ärzte und Pfleger. In Deutschland allein sind es 50 000. Geleitet wird der Orden von einem Großmeister, dem Gran Maestro. Nach einer Führungskrise ist der Posten vakant: Der Italiener Fra' Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto regiert als Statthalter und soll Reformen umsetzen. Wie die meisten führenden Köpfe ist Dalle Torre ein Adliger. Der Deutsche Albrecht Freiherr von Boeselager fungiert als Großkanzler, er vereint in seiner Person die Ämter des Innen- und des Außenministers. Völkerrechtlich ist der Orden eine Besonderheit: Bis 1798 herrschte er über die Insel Malta, dann vertrieb ihn Napoleon von dort. Seitdem ist der Orden ein Staat ohne Land und Volk - mit diplomatischen Beziehungen zu 107 Staaten, nun auch zu Deutschland. Oliver Meiler

In jüngerer Vergangenheit fiel vor allem ihr Engagement für die Flüchtlinge auf: in Lagern in Libanon, im Irak, in der Türkei, auf Schiffen der italienischen Küstenwache. In Deutschland betreibt der Orden hundert Flüchtlingsheime. Jeder dritte Flüchtling, sagte Boeselager, der 2015 nach Deutschland gekommen sei, habe in der einen oder anderen Form die Hilfe der Malteser erfahren. "Die Welt", sagte Gabriel, "ist leider nicht in bester Verfassung. 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht." Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen wolle man ein Zeichen setzen und die Zusammenarbeit stärken. Das sei kein Anfang, sondern ein klares Bekenntnis. "Deutschland ist stolz darauf, einer der größten Geldgeber des Malteserordens in Europa zu sein."