Pünktlich zur Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche kommen harsche Töne aus Ankara: Der Präsident des türkischen Parlaments wirft der Kanzlerin vor, die Türkei auf europäischer Ebene ausgrenzen zu wollen. Es geht um die 50-Jahr-Feier der EU in Berlin - und um einen Bierkrug.

Aufgrund der Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei die Türkei nicht zur 50-Jahr-Feier der EU in Berlin eingeladen worden, sagte Parlamentspräsident Bülent Arinc am Mittwoch in Ankara.

Bülent Arinc, AFP

Kritik an der Kanzlerin: Parlamentspräsident Bülent Arinc (© Foto: AFP)

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Diese "sehr falsche" Haltung der Kanzlerin sei für die ganze Türkei betrüblich, sagte Arinc vor der Abreise zu einem Besuch in Portugal. Dennoch dürfe die Türkei das Ziel eines EU-Beitritts nicht aufgeben. Das Land habe die Kraft, alle Widerstände in Europa zu überwinden.

Zuvor hatte bereits Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Erweiterungsdiskussion in der EU kritisiert. Die türkische Regierung hatte bereits letzte Woche kritisiert, dass das EU-Bewerberland nicht zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 50. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge eingeladen wurde.

Der deutsche Botschafter in der Türkei, Eckart Cuntz, wies die Vorwürfe zurück und sagte in einem Interview mit CNN-Türk, dass Merkel die Vollmitgliedschaft als abschließendes Ziel der EU-Beitrittsgespräche bezeichnet habe.

Wenn die Deutschen ein Versprechen machten, hielten sie es auch ein, sagte Botschafter Cuntz. Am Dienstag hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Erweiterungsdiskussion in der EU kritisiert und angekündigt, das Thema bei seinem Deutschland-Besuch Mitte April anzusprechen.

Trubel um Bierkrug

Für zusätzliche Aufregung sorgten Presseberichte, Merkel habe dem scheidenden französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac einen Bierkrug geschenkt.

Nach türkischen Zeitungsberichten trug der Bierkrug das Motiv einer napoleonischen Schlacht in Ägypten im Jahr 1799: Ägypten stand damals unter der Herrschaft der Osmanen.

Botschafter Cuntz sagte, die Angelegenheit mit dem Bierkrug sei falsch verstanden worden. Der Krug selbst trägt kein napoleonisches Motiv, sondern ein Blumenmuster.

Merkel hatte vor der Presse in Berlin erwähnt, dass der Krug eine Gravur aus dem Jahr 1799 trage, "als Napoleon sich gerade in Ägypten mit dem osmanischen Heer auseinandersetzte".

Der Bierkrug aus dem Westerwald zeuge davon, "wie sich doch auch europäische Geschichte geändert hat und dass wir heute nicht mehr über Kriege sprechen müssen". Der Krug selbst stamme aus dem Jahr 1710. Das Boulevardblatt Sabah konnte mit einer tröstlichen Neuigkeit die Gemüter kühlen: Das Blatt zitierte einen Nachfahren Napoleons mit den Worten, er unterstütze die EU-Bewerbung Ankaras.

Beitrittsverhandlungen wieder aufgenommen

Derweil sitzen Vertreter Ankaras und der EU Drei wieder an einen Tisch - drei Monate nach der Teil-Aussetzung der Beitritts-Verhandlungen. Wie EU-Diplomaten am Mittwoch in Brüssel berichteten, soll an diesem Donnerstag erstmals über den Bereich "Unternehmen und Industriepolitik" verhandelt werden. Die Bereiche Handel, Außenbeziehungen, Landwirtschaft und Verkehr werden weiterhin nicht behandelt.

Der Streit zwischen Zypern und der Türkei um den von türkischen Soldaten besetzten Nordteil der Insel belastet allerdings weiter die Gespräche. Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten Mitte Dezember 2006 beschlossen, die Verhandlungen über acht der 35 Verhandlungs-Bereiche erst dann zu beginnen, wenn Ankara Flughäfen und Häfen auch für Verkehr aus Zypern öffnet. Dies verweigert die Türkei bisher, weil der türkisch besetzte Norden Zyperns international nicht anerkannt ist und keinen direkten Handel mit der EU treiben darf.

Bis zum Ablauf der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Ende Juni sollen auch zu drei anderen Bereichen - Statistik, Finanzkontrolle sowie Wirtschaft- und Währungspolitik - Verhandlungen mit Ankara eröffnet werden. Der einzige Verhandlungsbereich, der bereits abgeschlossen ist, ist das Thema Wissenschaft und Forschung. Nach Angaben von EU-Diplomaten sind die vier zusätzlichen Bereiche mittlerweile von beiden Seiten so gut vorbereitet, dass die Verhandlungen offiziell eröffnet werden können. Die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sind auf 10 bis 15 Jahre angelegt.

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(AFP)