Mehr als vier Jahrzehnte ist es her, dass dem Land zum ersten Mal die Aufnahme durch Europa versprochen worden war. Am Montag stand alles auf Messers Schneide.
Am Schluss flog er doch, der türkische Außenminister Abdullah Gül. "Die Türkei tut einen Schritt in eine neue Zeit", sagte er, dann stieg er ins Flugzeug nach Luxemburg. Und ein Land atmete auf.
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Davor lagen eine Nacht und ein ganzer Tag voller Drama. Mehr als vier Jahrzehnte ist es her, dass dem Land zum ersten Mal die Aufnahme durch Europa versprochen worden war. Am Montag stand alles auf Messers Schneide.
Einen "historischen Tag" hatte die Zeitung Milliyet am Montagmorgen begrüßt - und gleich bang gefragt, ob dies der Tag werden würde, an dem "der Dialog der Zivilisationen einen Schlag" versetzt bekomme.
Ausgerechnet die Österreicher waren es, die mit immer neuen Winkelzügen der Türkei immer neue Hürden in den Weg legten, also wurde die Historie besonders gern bemüht: Die rechtskonservative Zeitung Aksam erinnerte an das Schicksal des Groswesirs Kara Mustafa, der die Belagerung von Wien 1683 leitete - und für seine Niederlage geköpft wurde.
"Wir hoffen, dass Wien heute das politische Leben unserer Staatsmänner, die auf anderen Wegen nach Europa gelangen wollen, nicht in ähnliche Schwierigkeiten bringt", schrieb Aksam.
Für Premier Tayyip Erdogan und seinen Außenminister Gül, beide von der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP, hing viel ab von der Entscheidung der EU. Sie hatten ihre konservative islamische Partei nach ihrem Machtantritt 2002 auf strammen EU-Kurs gebracht und mehrere von der EU verlangte Reformpakete umgesetzt, zum Teil unter heftigen innenpolitischen Attacken ihrer kemalistischen und nationalistischen Gegner. Die Nationalisten brachten erst am Sonntag in Ankara mehr als 50.000 Menschen auf die Beine, die gegen einen EU-Beitritt demonstrierten.
Die Zeitung Sabah veröffentlichte am Montag eine Umfrage, wonach noch 60 Prozent von 1400 landesweit Befragten eine EU-Mitgliedschaft befürworteten - knapp zehn Prozent weniger als im April. Fast interessanter noch war eine zweite Zahl: 82 Prozent waren der Überzeugung, Europa spiele mit der Türkei, nur 9,3 Prozent hielten die EU für ehrlich.
In diesem Lichte beurteilten einige in der Türkei auch die Rolle Österreichs. Viele wollen nicht glauben, dass Wien wirklich allein und ohne Unterstützung gehandelt hat: "Österreich spielt nur den schlechten Polizisten, dahinter stehen noch andere", vermutete im Nachrichtensender NTV Temel Iskit, ein ehemaliger türkischer Diplomat.
Selbst wenn die Verhandlungen nun beginnen, es war kein guter Start: Viele Kommentatoren wiesen darauf hin, dass sich die Gesprächspartner mit großem Misstrauen gegenübersitzen werden. Premier Erdogan bemühte am Montag noch einmal die großen Visionen: "Wenn die EU eine globale Macht werden will, wenn sie den Konflikt der Zivilisationen bekämpfen will, dann braucht es den Handschlag zwischen den Zivilisationen."
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(SZ vom 4.10.2005)
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