Anfangs allerdings hat sich das Ministerium für Staatssicherheit, wie nachzulesen ist, gefragt, ob der wirklich echt sei oder ein doppeltes Spiel spiele. Hatte Kurras, lautete die konkrete Frage, "im Auftrage einer feindlichen Dienststelle als Agent Provokateur die Verbindung" zur Stasi aufgenommen? Die Antwort war schlicht: Nein. Er habe immer "wertvolle Arbeit geleistet", und nie sei eine Deckadresse oder ein Verbindungsmann aufgeflogen. Vor allem als Mitglied der Abteilung I, dem polizeilichen Staatsschutz der Berliner Polizei, habe er "äußerst wichtige Originalunterlagen" geliefert. Er lieferte aktenweise Informationen über Fluchthelfer, mögliche Fluchttunnel, Fahndungslisten.

Anzeige

Er war die Topquelle an der Quelle. Er warnte, wenn anderen Agenten die Enttarnung drohte, und wenn der Hinweis zu spät kam, lieferte er zumindest die Vernehmungen von Ost-Agenten ab. Er berichtete über "desertierte" Mitglieder der Staatssicherheit. Er lieferte Listen über Personen, die ins Visier der Staatsschützer geraten waren, geheime Dokumente des Bundeskriminalamtes, Personalakten, Informationen über Postkontrollen, Vernehmungen von Schleusern.

Die Rolle des rechten Biedermanns

Um nicht aufzufallen, beteiligte er sich auch aktiv an der Suche nach möglichen Ost-Agenten. Er verriet Kollegen und war auch als Agent ein Jäger. Die erfolgreiche Hatz auf die anderen brachte ihm dann auch auf Antrag 1964 die SED-Mitgliedschaft ein. Zur Tarnung war er vorher in die SPD eingetreten.

Als er sich erstmals 1967 wegen der angeblich fahrlässigen Tötung Benno Ohnesorgs vor Gericht verantworten musste, spielte er erfolgreich die Rolle des rechten Biedermannes, der beinahe Opfer der Störenfriede geworden wäre. Alle, alle waren schuld - nur er nicht. Später wurde er suspendiert, hatte heftige Alkoholprobleme und wurde 1987 noch zum Oberkommissar befördert, bevor er in Pension ging. Für einige Kollegen war er der Held geblieben, der es denen da draußen mal gezeigt hatte.

Perfektes Mimikry

Die in diesen Tagen häufig skizzierte Theorie, die Geschichte der Achtundsechziger wäre anders verlaufen, wenn Kurras 1967 als Agent enttarnt worden wäre, liefert zwar Stoff für Diskussionen, ist aber rein spekulativ. Viel leichter fällt die Antwort auf die Frage, was dem Mann, der zweimal im Fall Ohnesorg freigesprochen wurde, vor Gericht bei einer Enttarnung passiert wäre. Zweifelsfrei wäre ihm damals vor dem Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofs wegen Landesverrats und Gefährdung der äußeren Sicherheit der Prozess gemacht worden.

Angesichts der Urteile aus jenen Tagen lässt sich das Strafmaß auf mindestens vier Jahre taxieren. Und das wäre noch gnädig gewesen. Schließlich standen damals selbst internationale Begegnungen von Wissenschaftlern nach der alten Vorschrift des Paragraphen 100e unter dem Damoklesschwert strafrechtlicher Ermittlungen. Bloße Beziehungen zu einem östlichen Partner reichten schon aus. Auch wäre er sicherlich in dem Fall Ohnesorg nicht wegen fahrlässiger Tötung, sondern mindestens wegen Totschlag angeklagt worden.

Die Mimikry des Mannes, der sich auch heute noch als verfolgende Unschuld aufführt, war alle Zeit perfekt. Als ihn 1967 Reporter Gebhardt vom Stern mit einer Pentacon aus der DDR fotografieren wollte, machte Kurras, der von der Stasi eine Minox bekommen hatte, richtig Ärger: "Wo haben Sie die denn her?", fragte er. "Genau die gleiche habe ich neulich bei einem Landesverräter sichergestellt."

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Kleinbürger Kurras
  2. Kurras, Überzeugungstäter
  3. Sie lesen jetzt Die Rolle des rechten Biedermanns
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 28.05.2009/woja)